SZenso

unabhängig - medienkritisch - mit Spuren von Satire

Schluckimpfung gegen die Verblödung

Tja, wenn der pöbelnde Bundesbankvorsitzende Sarrazin ein Buch schreibt, dann ist das ein Ereignis von nationalbewegender Bedeutung. Spitzenbänker wie Thilo schreiben nicht über ihr Versagen in der Krise, sie schreiben auch nichts über die Wiedergutmachung der angerichteten Schäden, nein, sie schreiben einzig, um sich wieder beim kleinen Mann  einzuschleimen. Das geht im deutschen Schlande wie jeder weiß am besten mit Migratenbashing, beigemischte, pseudowissenschaftliche Thesen geben dem Ganzen noch eine angenehm pikante Würze.

Schaut man sich das noch nicht veröffentlichte Buch an, muss man neidlos anerkennen, dass Sarrazin ein fiktionsreiches Handbuch, ach was sage ich da, eine neue Bibel für Genhygieniker geschrieben hat. Es steht jetzt schon fest, es wird einschlagen wie eine Bombe. Denn endlich hat jemand den Mut aufgebracht, das sinnlose Tabu der gesellschaftlichen Spaltung in gute und schlechte Gene nach über 60 Jahren wieder zu brechen!
Was soll ich als Gutmensch über das Buch sonst noch sagen? Jede Zahl darin hat Ziffern, jede Zeile spaltet.

Mit Bild und Bertelsmann im Rücken wird Thilo Sarrazin die bereite  Michelmasse den Buchhändlern das Werk wie ein Harry Potter Sammelband Teil 8 bis 88 aus den Klauen reißen. Jetzt schon campen Pi-Pilger vor den Papierbuchpalästen der ihnen unbekannten Bildungsstätten. Es ist kaum zu glauben, aber mit dieser selbstherrlichen Tat hat Sarrazin bereits vor der Veröffentlichung des Buches für ein nie für möglich gehaltenes Wunder gesorgt. Menschen werden zum ersten Mal die schwarz weißen Seiten eines Buches lesen, die zuvor nur mühevoll die Worte auf den nassen T-Shirts der Bild-PinUp-Girls entzifferten. Sarrazin erreicht mit dem geschriebenen Wort soziale Schichten, die ein Bänker ansonsten nur von der Schuldeneintreibung kannte.
Vorbildliche Unterschichtenbildung sozusagen.


 

Für Gutmenschen, die um die Problemen aber vor allem um die Chancen einer multikulturellen, toleranten Gesellschaft wissen, eine kleine Auswahl an plakativen Schluckimpfungen gegen die aktuell grassierende Verblödung:

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Ohne Witz

Was für ein Sommerloch im Agendajahr 2010: Westerwelle erklärt uns, wie juristisch unbeschwert das gezielte Töten ist, ein Experten-Gutachten sieht den Oberbürgermeister Sauerland und die Stadt frei von Schuld an der Tragödie der Loveparade und dank der allmächtigen Götze des Neoliberalismus fühlen wir uns mächtiger als Mutter Natur .

Ich möchte und ich kann nicht mehr darüber schreiben. Die Situation in unserem Land ist zu grotesk, zu widerlich geworden: wir führen einen verlorenen Krieg mit terroristischen Mitteln, wir pferchen unsere Kinder in einem Bespaßungs-KZ zusammen, bis sie darin elendig verrecken, wir gieren nach den Verheisungen einer alternativlosen Konsumreligion, mit einem apokalyptischen Hang zur Selbstzerstörung.

Und wo bleibt da noch Raum für Witz? Was soll ich darüber noch schreiben? Wann hat dieser Wahnsinn eigentlich ein Ende?

Dieser Blog hat seine Aufgabe erfüllt. Er war ein verzweifelter Schrei nach Sinn in dem Irrsinn der heutigen Zeit. Antworten habe ich bekommen und mehr darf ich nicht verlangen:
Wir stehen vor einem Umbruch, vor dem Beginn einer neuen Epoche. Die Globalisierung hat ihren Zenit überschritten, aufgeblasene, seelenlose Gebilde, wie es die EU oder der Euro sind, werden die kommenden Krisen nicht überleben, das Ende der drei großen K’s naht: Konzerne, Kriege, Konsum.

Diesen Blog streife ich ab und lasse ihn symbolisch sterben, um mich nicht mehr mit dem Niedergang dieser verkommenen Strukturen befassen zu müssen. Das Alte ist für mich nicht mehr interessant, ich möchte mich mit dem Kommenden befassen. Als bekennender Gutmensch glaube ich nämlich, dass eine bessere, friedlichere und lebendigere Zeit auf uns wartet.

Danke an alle Leser, die mich ein Stück weit bei meiner Suche begleitet haben.

R.I.P SZenso


Das Hohelied des Lohnabstandsgebots

justiziaUps, da war doch mal ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Hart IV. Die Regierung hat sich an die Arbeit gemacht und ihr Konzept der minimalen Menschenwürde vorgestellt. Als “Leitplanke” sollte bitte schön das “Lohnabstandsgebot” dienen, meint die FAZ. Denn die Sätze könnten - oh Graus - steigen und die Pension für Sauerland wäre gefährdet!
Das ist natürlich unvorstellbar, diese ungeheuerliche Ungerechtigkeit darf nicht sein, schließlich leben wir in Schland!

Sinniger wäre aber die Einführung eines Intelligenzabstandsgebotes: sollte die Intelligenzleistung eines Gesetzes unter einen IQ von IV abrutschen, dann darf es nicht mehr verabschiedet werden. Entsprechende Qualitätskriterien müssten auch für den Journalismus gelten, bevor er einen Artikel veröffentlichen darf.

Mann, das wäre der Tod des Neoliberalismus! Der totale Wahnsinn!


Alles Zufall

moneyDem Zufall zufällig zu begegnen, ist leicht, ihn überall aufzuspüren, wo er sein chaotisches Unwesen treibt, allerdings nicht. Die Prognosen des Oktopus Paul zur WM in Südafrika waren prophetisch genau. Damit unterscheidet sich der Oktopus fundamental von einem Wirtschaftsweisen. Denn die Vorhersagen der fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sind nichts anderes als purer Zufall!

Wenn unsere Wirtschaftsweisen nur eine wirkungslose Kristallkugel als einen Wegweiser aus der Krise anzubieten haben, was könnte dann wirklich die Rettung bringen? Ist doch klar, Paul for president, Spongebob for Finanzbubbles and money for nothing.
Okay, das ist keine echte Lösung, aber es ist auch nicht schlimmer als die brüderlische Wirtschaftspolitik.

Lesenswerte Links zum Thema:


“Rammt eure Zähne in ihr Fleisch und lasst nicht mehr los”

isaf“Rammt eure Zähne in ihr Fleisch und lasst nicht mehr los”, das ist die neue Afghanistan-Strategie des NATO-Chefs Petraeus. Mit diesen Worten ist die diesjährige Saison des elitären und beliebten Volkssports “Menschenjagd  am Hindukusch” offiziell eröffnet. Der Friedensnobelpreisträger Obama hat sich, damit diese neue Strategie ihre volle Wirkung entfalten kann, einem Verbot der geächteten Streubomben verweigert.
Na, da klingt doch alles viel erfolgversprechender als Brunnen bohren und Frauen beschützen! Nur, die Niederländer hauen einfach aus Afghanistan ab - feige Schweine sowas!


Der alte Geist der neuen Kommandotruppen

soldatEin starkes Stück Hofberichterstattung findet sich bei der Zeit. Unter dem Titel “Unter Kriegern” wird selbst an der Heimatfront embedded über die KSK der Bundeswehr berichtet. In blumigen Worten wird  über die “geilen Macker” mit ihren “dicken Uhren” berichtet - die kriegslüsterne Bewunderung für die Elitesoldaten trieft aus jeder Zeile, jedem Komma der Autorin.
Lesens- und bemerkenswert ist auch das Verständnis des Pfarrers, der die Spezialkräfte betreut. Immerhin bestehen die Aufgaben der Truppe in der Jagd nach “Zielpersonen”, die nicht selten aus blutigen “Hausbesuchen” besteht. Den kirchlichen Segen erhalten die Krieger mit dem unbiblischen Begriff der Resilienz, der einen schonenden Umgang mit dem  Töten erlaubt.


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Hofberichtblogging (17): Grüße aus der Sommerresidenz

wolfimschafspelzUnser neuer, dem Politikbetrieb tadellos angepasster Bundespräsident Wulff hat sich aus seiner Sommerresidenz zur Tragödie der Loveparade geäußert und die richtigen staatstragenden Worte gefunden. Er fordert eine “lückenlose Aufklärung der Ursachen” - eine durchaus gelungene und spitzfindige Anspielung auf die Massenpanik, wie ich finde.

Das war es dann auch, denn weitere Forderungen, wie der nach einem Rücktritt Sauerlands, würden die Urlaubsidylle auf Mallorca nur unnötig trüben. Schließlich ist es unserem Oberhaupt nicht zuzumuten, sich auf dem herrschaftlichen Anwesen eines Freundes mit den Niederungen der Politik zu beschäftigen. Und immerhin gehört Herr Sauerland, als CDU-Oberbürgermeister in der SPD-dominierten Ruhrregion, zu den Privilegierten im Hofstaate des konservativen Michels.
Und es ist richtig und wichtig, dass Wulff als Alpha-Tier mit der offensiven Zurschaustellung seiner Filzfreunde eine Duftmarke setzt und uns mit seinem Besuch der Villa seines Freundes auf Mallorca die enorme Reichweite seines Netzwerkes eindrucksvoll vorführt. Es ist eine hinterlistige Strategie, denn nur so ist Wulff vor Attacken des kleinen Koalitionspudels und dessen Wadenbeißers Westerwelle sicher.
Selbst den Urlaub zu einer gelungenen PR-Aktion zu nutzen, das ist -  muss ich wirklch zugestehen - nicht nur vorbildlicher Einsatz, das ist schon hohe Politikkunst.

Wünschen wir unserem Wulff noch erholsame Tage unter Seinesgleichen, bevor er sich in Berlin wieder dem Pöbel stellen muss. Und wenn unser Bundespräsident seinen Thron Amtssitz im Schloss Bellevue wieder besteigt, darf er getrost seinen energisch geäußerten Appell nach Aufklärung der Loveparade-Tragödie vergessen. Denn politische Äußerungen im Ausland zählen bei uns zuhause nicht - das ist politischer Brauch.

Obwohl es nicht einmal nötig wäre. Das Auffinden von Verantwortungslücken und die daraus resultierende Schuldlosigkeit aller Beteiligten wäre die ideale Win-Win-Situation: Sauerland, Schaller & Co. wären per Günstlingsjustiz rehabilitiert und die Loveparade hätte ihr würdiges Ende gefunden. Denn es schlösse sich ein denkwürdiger Kreis, die prophetische Kraft des Mottos der ersten Loveparade käme zu ihrem verdienten Ausbruch:

In ganz Schland herrscht wieder “Friede, Freude, Eierkuchen“.


Die Vietghan Akten

isafWikileaks hat einen neuen Scoop gelandet: über 91.000 zum größten Teil geheime Dokumente über den Afghanistankrieg hat die Whistleblower-Plattform veröffentlicht. Bevor der riesige Aktenberg frei gegeben wurde, durften der Guardian,  der New York Times und der Spiegel ihn vorab begutachten, um ihre Echtheit zu überprüfen. Ja, sie sind es und sie erlauben zum ersten Mal einen umfassenden Blick auf den Krieg.
Wow, und was sind die neuen Erkenntnisse vom fernen Hindukusch?
Die Militärs und die Politik haben die Lage in Afghanistan falsch dargestellt - oh, das ist ja nicht zu fassen! Der Krieg ist schmutzig und es werden genau die Grenzen übertreten, die wir vorgeben zu verteidigen - nein, das kann doch nicht wahr sein! Wir, die Besatzer, sind nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems - ach du meine Güte, das konnte ja wirklich keiner ahnen! Und der Krieg ist schon lange verloren -na so was, das darf man doch gar nicht denken und erst recht nicht  bloggen!

Was haben unsere Qualitätsmedien in der Zwischenzeit eigentlich gemacht? Haben sie diese offensichtlichen Fakten nicht selbst recherchieren können? Brauchte es dazu wirklich Wikileaks? Es ist erstaunlich, dass die Medien nicht selbst merken, dass sie sich mit der Veröffentlichung der Dokumente ihr eigenes Armutszeugnis ausstellen.

Es ist der längste Krieg, nach über acht Jahren wird die Sicherheitslage in Afghanistan immer schlechter. Militärisch ist Afghanistan nicht zu befrieden. Nicht umsonst hat es sich den Ruf als Friedhof der Supermächte erkämpft, Amerika und die NATO sollten dem Respekt zollen.

Ach ja, ich finde übrigens, wir sollten mit dem Krieg weiter machen. Er tut doch nicht weh, jedenfalls nicht hier, hinter den TV-Bildschirmen der Heimatfront. Und ob wir unsere Kinder zur Bundeswehr oder zur Loveparade schicken, das macht doch keinen Unterschied mehr.


Das grausame Sterben der Loveparade

Die Loveparade Tragödie lässt mich nicht los und das, obwohl ich nicht betroffen bin. Ich kann es nicht genau sagen, warum. Vielleicht ist der Grund, dass ich diesmal etwas ernsthafter über einen Besuch der Loveparade nachdachte. Vielleicht ist es schlicht auch deshalb, weil ich dieses Gefühl in der Masse kenne: wenn die Leute plötzlich anfangen zu drücken, es immer enger wird, keinen Platz mehr da ist, um sich zu bewegen, und man wird in irgendeine Richtung gedrängt und wird völlig macht- und hilflos zum Spielball der Masse. Kommt zu schlechter Luft noch Hitze und Dunkelheit hinzu, dann ist sie schnell da, diese Angst.
Die Katastrophe ist so schrecklich nachvollziehbar.

Es gibt, glaube ich, noch einen dritten Grund. Als ich von der Katastrophe hörte und im Netz nach Hinweisen zur Ursache suchte, stieß ich früh auf die Warnungen, die sehr exakt das Unheil vorhersagten. Eine Frage beschäftigt mich seitdem: sagt einem nicht der gesundem Menschenverstand, dass der verfallene Güterbahnhof in Duisburg der falsche Ort für eine Massenveranstaltung mit mehr als eine Millionen Menschen wie der Loveparade ist?


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Loveparade 2010

Die Loveparade war eine politische Demonstration, die allerdings ein unpolitisches Ziel hatte: gemeinsam zu Techno-Musik zu tanzen, zu feiern und einfach nur Spass haben. Für 19 Menschen brachte in Duisburg dieser Wunsch den Tod, über 400 Menschen wurden auf dem Fest zum Teil schwer verletzt.
Es ist eine entsetzlich Tragödie, mein Beileid gilt den Opfern und Hinterbliebenen.

Wie konnte ein solch schreckliches Unglück geschehen? Es wird noch lange dauern, bis alle Fragen restlos geklärt sind.
Auch ich möchte Antworten finden, denn wie für viele Millionen Menschen, welche die Loveparade in den 21 Jahren ihrer Geschichte besucht haben, ist sie ein Teil meines Lebens geworden. Ich selbst war Mitte der Neunziger zweimal auf der Loveparade. Damals waren es noch deutlich weniger als 1 Million Besucher und Floats zogen noch in der alten Route den Ku’damm entlang. Zu dem Kultclub Tresor verschafften wir uns mit falschen Presseausweisen Zutritt, um die Wartezeit zu verkürzen. Die Party endete erst in der Mittagssonne des nächsten Tages, einer langen Heimreise, einer kalten Dusche und dann ging es etwas übermüdet an die Uni.

So hat jeder seine eigenen Geschichten, die er mit der Loveparade verbindet, aber keiner dachte bisher daran, dass es auch ein tödliches Vergnügen sein könnte. Was soll denn schon gefährlich daran sein, gemeinsam zu feiern?
Wer zu einem Megaevent wie die Loveparade geht, der begibt sich automatisch in die Hände des Veranstalters und den örtlichen Verantwortlichen. Das darf in Deutschland kein Problem sein, wir sind in der Lage, solche Megaevents reibungslos durchzuführen. Warum diesmal nicht? Was ist da schiefgelaufen?


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