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Märklin: Die Modellheuschrecke

ModelleisenbahnWer kannte sie als Kind nicht, die liebevoll gebastellten Miniaturwelten in denen surrend die Eisenbahnen ihre Kreise zogen. Sorgfältig geplant und mit einer unglaublichen Detailversessenheit sind künstliche Abbildungen der Wirklichlichkeit enstanden, in denen blinkende Lichter, wattebauschener Rauch und auf seltsame Weise erstarrte Menschen und Autos die Kulisse der rasend ratternden  Santa Fe, Krokodil oder ICE -Loks und Züge boten. Das kindliche Spielen begrenzte sich nicht nur auf den Regelknopf des Transformators. Sturmartige Spuren in Form umgeknickter Bäume oder im Graben liegender Autos waren die Hinterlassenschaft zahlreicher Zugentgleisungen und -zusammenstößen oder die zerstörerischen Begleiterscheinungen von Naturkatastrophen wie Waldbränden, Fluten oder Erdbeben, die über die ahnung- und schutzlose  Welt  im Minutentakt herreinbrach. Der apokalyptische Spieltrieb führte stets zu großen Missfallen des wahren Herrschers der Spanblatten und Pappmachéhügel: der strenge Vater, der zwar die an den Sohn adressierten Geschenke ohne Nachfrage in die Anlage verbaute durfte, aber den kleinsten verursachten Windhauch, der die sorgsam ausgerichteten Grashalme ins Wanken brachte, unbarmherzig mit Stubenarrest ahndete. Waren keine Folgen kindlicher Naturgewalten zu beseitigen, stand immer ein Umbau bevor - es fehlte stets das i-Tüpfelchen zur absoluten Perfektion der Miniaturwelt.

GrashuepferEs ist nicht verwunderlich, dass Manager den traditionsreichen Modelleisenbahnbauer Märklin als Spielwiese für sich entdeckt hatten. Ständig bauten und strukturierten sie die Firmenlandschaft um, aber auf sonderbarer Weise verschwanden die neusten Autos, die besten Häuser und weiteres Tafelsilber aus ihr. Frei und ohne Aufsicht konnte sich der Spieltrieb der Manager entfalten. Letztendlich waren die Zerstörungen so groß, dass die ganze Firma zu Bruch gegangen ist: Märklin ist bankrott.
Leider hat diesmal das Spiel eine sehr reale Seite: Für die Mitarbeiter von Märklin bedeutet dies der Weg in die Arbeitslosigkeit, ein Platzen eines Lebensentwurfes meist einer ganzen Familie. Leider kann man diesen Schaden nicht einfach mit ein bisschen Kleber und Spucke reparieren, wie dies in der Kindheit noch möglich war. Den verantwortlichen Managern allerdings ist der angerichtete Schaden egal, sie bekommen nämlich wieder eine neue Firma als Spielzeug.

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19. Februar 2009 von stillewasser | Kategorie Finanzkrise Wirtschaftskrise
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