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unabhängig - medienkritisch - mit Spuren von Satire

Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden

Tim K. richtet an seiner ehemaligen Schule ein Blutbad an. 16 Menschen mussten sterben, Familien wurden mit dem plötzlichen Tod einer ihrer Liebsten konfrontiert, eine ganze Stadt ist traumatisiert. Wie kann über eine solche Ausnahmesituation berichtet werden?

Auf die menschenverachtende Berichterstattung der Bildzeitung möchte ich nicht eingehen - bildblog hat hierzu schon die die richtigen Worte gefunden. Im Gegensatz dazu zeigten andere Medien bisher ungewohnte Seiten. Der Leser konnte diesmal die Journalisten live auf ihrer Sensationsjagd per Twitter Feed begleiten. Unter dem Nick amoklauf konnte jeder die Reporter gleich erkennen. Später wurde der Nick allerdings etwas zurückhaltender in FOCUSlive umbenannt.
Auch der Stern nutzt den Microblog-Dienst und zwitschert über den Amoklauf “Mist, Amoklauf in einer Schule im baden-württembergischen Winnenden. Es gab Tote. www.stern.de”. Gut, der von hölzernen Printmedien abstammende Online-Journalismus soll und darf sich der neuen Kommunikationsformen des web 2.0 bedienen, nur sollte das Experimentieren mit den neuen Möglichkeiten in der branchenüblichen Sorgfalt geschehen. Ein Anpassen an die Ausdrucksweise der meist noch pubertierende Klientel dieser sozialen Netzwerke lässt jedoch die professionellen Medienperlen im Twitterstrom untergehen. Selbst Bernd Graff beklagt sich über seine Kollegen, die im Umgang mit dem neumodischen Internet ebenso ungeschickt sind wie er selbst.

Direkt vor der Tat soll der Amokläufer im Internet über die bevorstehende Tat gechattet haben, berichtete die Polizei. Sofort wurde diese Information in allen Leitmedien verbreitet.

sz-winnenden

krautchanIn der Zwischenzeit entpuppte sich das Chatprotokoll als simple Photoshop-Fälschung einer harmlosen Forendiskussion und musste zurückgezogen werden. Doch die SZ wundert sich, dass auf der Forenplattform “die Inhalte allesamt verschwunden seien”. Sind sie nicht, ein Blick in den Google-Cache hilft.
Selbst die einstigen Schlachtschiffe seriöser Berichterstattung, die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, reihen sich in die reißerische Berichterstattung ein. Und Stern präsentiert ein Handyvideomitschnitt der letzten Sekunden von Tim K.

Der Amoklauf von Winnenden reißt wieder die Wunde auf und macht uns schmerzlich bewusst, in unserer Gesellschaft wachsen unbemerkt Jugendliche heran, die zu solchen Terrorakten fähig sind. Schock, gepaart mit Trauer und Mitgefühl für die Opfer machen sich breit. Nur der mediale Umgang zeigt unzensiert seine Perversion der Sensationsgier. Der mediale Umgang mit der im Grunde nicht begreifbaren Tat führt zur erschreckenden Erkenntnis, dass unser Journalismus seiner Aufgabe nicht gewachsen ist und sich durch die unangemessene Präsentation der Gewaltat als Teil dieses Problems in unserer Gesellschaft offenbart.

[update] Heute sucht die Polizei nach einem Laptop, auf dem Tim K. die angebliche Nachricht  geschrieben haben könnte. Ein Chat in einem Browser wird jedoch nicht protokolliert, eine vergebliche Suche. Und zudem ist der Google-Cache ein stichhaltiger Beweis, dass es sich um eine Fälschung handelt. Nochmals, dieser Dialog stand nie im Internet, sondern wurde per Photoshop nachträglich in den Screenshot hineingeschrieben! [/update]


13. März 2009 von stillewasser | Kategorie Medienkritik SZ Watch
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