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unabhängig - medienkritisch - mit Spuren von Satire

Das Unfassbare beginnt zu verblassen

Die üblichen medialen Gesetze gelten uneingeschränkt, auch für unfassbare Taten wie der Amoklauf von Winnenden. 9 Tage sind vergangen. Die eigene innere Stimme sagt sich: ich habe alles über die Tat gelesen, jedes Bild aus allen Perspektiven betrachtet und auf alle offenen Fragen genügend Antworten erhalten. Die Bildzeitung hat in ihrer Sonntagsausgabe bereits dem Witwenschütteln auf ihrer Titelseite  einen angemessenen Raum gegeben. Für die Sensationskaravane mit ihrem alternativlosen Selbstverständnis haben sich ihre Spesenausgaben, wie die 100 Euro für Tränenaufnahmen, mit einer  verzüglichen Medialrentite von über 25% bereits amortisiert.  Mediengaffer, wie ich es einer bin, durften staunend die Flut der Berichterstattung an sich vorbeirauschen lassen.

Wir sind in Deutschland und das heißt nicht nur Nahaufnahme und 3-silbige Statements. In ihrer Unnachahmlichkeit zeigt dies gerade die Politik. Der baden-württembergische Minissterpräsident Oettinger, vermag den Schock,  das unermessliche  Leid und tiefes Mitgefühl für die Opfer dieser Tat in schlichte Worte zu kleiden:

Betroffen ist ganz Baden-Württemberg. Die Schule, einen Ort der Zukunft, der Bildung und Erziehung so zu stören und zu zerstören, ist besonders gemein.

Hier endet der teutonische Augklärungsfanatismus noch nicht. Jeder Spur, sei sie noch so abwegig oder falsch, wird nachgegangen. In den Leitmedien melden sich Experten zu Wort, an deren Ferndiagnosen aufgrund der hautnahen Berichterstattung keine Zweifel aufkommen können. Die üblichen Verdächtigen sind schnell gefunden: Nein, das Waffengesetz war es diesmal nicht. Die Waffenvernarrtheit des Vaters, der möglicherweise dagegen verstoßen hat, schon eher. Killerspiele, wie World of Worcraft, sicherlich. Solche gewaltarmen Rollenspiele laufen den bereits medial ausgelutschten Ego-Shootern den Rang ab. Und besonders das neumodische Internet ist an allem schuld: de  vorsichtige Berichterstattung des traditionellen Qualitätsjournalismus wird gerühmt und das Internet als Vorhof des Exzesses verteufelt. Und diese ganze Grausamkeit des Netzes erfahren die  trauernden Schüler, die einen gemeinsamen Ort zur Bewältigung ihrer Trauerns suchen. Sie können ihn dort nicht finden, jedenfalls nicht auf StudiVZ.

Gab es neben der ganzen Sensationsgier und Polemik eine angemessene Berichterstattung? Ja, es gab sie. Artikel die behutsam Fragen stellten, das Leid einer ganzen Stadt authentisch vermittelten und die Rolle der Medien kritisch hinterfragen. Nur leider zu wenige.

Alle Fragen scheinen gestellt und auf alle haben Experten ausführlich geantwortet. Die Medien haben ihre Verarbeitung des Events angeschlossen und ziehen sich auf die gewohnten Nebenschauplätze zurück. Winnenden darf abgehakt werden, denn schließlich warten wieder neue Nachrichten auf uns. Ist das nicht ein beruhigender  medialer Automatismus? Für die Opfer der schrecklichen Tag schon, denn endlich bekommen sie mit der  eintretenden Ruhe einen Schutzraum für ihre Trauer.


20. März 2009 von stillewasser | Kategorie Medienkritik
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