Die Kultur des Bösen
Es ist die bittere Erkenntnis, dass sich nach den USA nun auch in Deutschland der Schulamoklauf in unserer Gesellschaft tradiert hat. Die tragischen Stationen, die sich tief in unser Gedächtnis gebrannt haben, sind 2002 das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, 2006 das Geschwister-Scholl-Gynmasium in Emstetten und 2009 die Albertville-Realschule in Winnenden.
Wie konnte es nur dazu kommen, das eine solch unbegreifliche Tat wie ein Amoklauf, zu einer wiederkehrenden Erscheinung werden kann? Antworten könnte der Report der “Safe School Initiative” geben. Alle Schulamokläufe von 1974 bis 2000 in Amerika wurden untersucht, um eventuelle Gemeinsamkeiten in den Täterpersönlichkeiten aufzudecken. Alle Täter der 37 Attacken, die in diesem Zeitraum statt fanden, waren männlich und zwischen 11 und 21 Jahren alt. Eine psychische oder soziale Mängelliste, die Hinweise auf Motive eines Amoklaufs bieten oder zur Prävention genutz werden könnten, ließ sich aus den umfangreichen Daten nicht gewinnen. Das Täterprofil zeichnet vielmehr das Bild eines durchschnittlichen Schülers:
Die meisten Täter waren keine Versager, sondern gute bis sehr gute Schüler, hatten enge Freunde und waren nicht vereinsamt. Sie gehörten außerhalb des Schulbetriebs oft sogar zu Vereinen oder anderen festen Gruppen. Typische Einzelgänger waren nach eigenem oder dem Urteil anderer gerade mal 34 Prozent. Zwei Drittel der Täter hatten mit ihrer Schule auch nie irgendein disziplinarisches Problem gehabt. Und dieses ingesamt eher positiv anmutende Bild eines Mitmenschen hatte in den meisten Fällen auch kurz vor der jeweiligen Tat keinen auffälligen Riss bekommen, der als Erklärung für das Ausrasten hätte herhalten können.
Dieses Täterbild eines Schulamokläufers scheint auch auf Deutschland zuzutreffen. Die Täter hatten weder einen Migrationshintergrund, noch waren sie vernachlässigte Kinder aus dem Prekariat. Nein, es waren gutbürgerliche Jugendliche aus dem Herzen unserer Gesellschaft. Der verständlichen Reflex, dieses unbegreifbare Phänomen des Schulamoklaufs als pure Ausnahmeerscheinung in irgendwelchen Abgründe unserer Gesellschaft zu verbannen, gelingt nicht. Wir müssen uns daher der Frage stellen, was sind die Gründe eines solch exzessiven, terroristischen Gewaltausbruchs? Wie gehen wir in unserer Gesellschaft eigentlich mit Gewalt um? Haben wir eine Kultur des Bösen?
Ich habe versucht, dieser Frage nachzugehen. Es ist für mich eine verstörende Tatsache, dass meine Heimat ein Ort geworden ist, in denen unsere Kinder zu Terroristen werden. Solche Gewaltakte kennt jeder: prächtig inszeniert im Kino, als schockierende Nachricht aus den fernen USA - aber als Ereignis fast in einem Nachbarort?
Ich bin schockiert, verwirrt und ratlos - noch immer. Ich möchte verstehen oder zumindest erahnen können, was an diesem Tag in Winnenden geschehen ist.
Jugendlichkeit: Selbstzweifel und Liebessehnsucht
In die emotionalen Tiefen, in die einen die Selbstfindungsprozesse als Jugendlicher werfen können, kennt jeder Erwachsene. Auf der Suche nach Liebe und Anerkennung erfährt der Jugendliche leider viel zu sehr Ablehnung und Unverständnis. Kritische, sinnfordernde Fragen werden von der Erwachsenenwelt als lästig und unbequem oft schlicht ignoriert. Wird so eine absolute Verzweiflung bei Jungendlichen verständlich?
Kommt ein solch desorientierter Jugendlicher mit Peergroups in Kontakt, die Hass und Gewalt verherrlichen und einen Amoklauf als eine heroische Heldentat feiern, kann dies die unheilvolle Saat sein. Gerade in den finsteren Ecken des Internets gibt es Treffpunkte wie Foren, in denen leicht und ungestört morbide Gedanken ausgetauscht werden können. Es besteht die Gefahr, dass ein labiler Jugendlicher sich in diesen virtuellen Gedankenwelten verlieren kann. Er erhält nicht nur Bestätigung für seine sonderbarem Ansichten, sondern zusätzlich neue Anregungen. Ein ausreichender Nährboden, um eine eigene Parallelwelt mit gefährlich gewalttätigen Phantasien zu bauen, die im Extremfall in blutige Realität umgesetzt werden kann.
Mediale Drehbücher und Heroisierung
Nicht nur in den finsteren Ecken des Internets wird ein Amoklauf martial zelebriert. Nein, auch unsere Massenmedienvermitteln bieten durch ihre Berichterstattung dem Täter und der Tat eine Bühne. Gerade am Tag x erhält der Amoklauf eine nahezu unbegrenzte mediale Aufmerksamkeit. Wie nah sich Täter und Medien in Wirklichkeit sind, zeigt sich im Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen des Amoklaufs. Täter und Medien veranstalten eine Treibjagd, der Amokläufer richtet seine Waffe und die Medien ihre Kameras auf die Opfer. Beide drücken erbarmungslos ab, ohne Erbarmen werden alle bekannten Grenzen überschritten.
In den Medien, vor allem im Internet, wird der Gewaltakt als panoramisches Kunstwerk zelebriert, dessen Drehbuch der Täter nachspielt. Täter und Medien haben sich langsam in ihre Rollen eingefunden und die Inszenierungen gewinnen an Professionalität. Im Mittelpunkt steht der reine Akt der Gewalt - die Opfer und Hinterbliebenen sind zufällig auserkorene Komparsen des Schauspiels.
Gewalt war und ist immer ein Teil der Gesellschaft
Gerade männliche Jungendliche greifen in Konfliktsituationen leicht zur Waffe, dieses Muster zeigt sich auch in unserer Vergangenheit. Seit die Menschheit Werkzeuge zu nutzen weiß, kennt sie auch deren Einsatz als Waffe. Dennoch ist das Phänomen des Amoklaufs neu, obwohl die Waffentechnik seit 1880 die technischen Voraussetzungen erfüllt. Allein die Verfügbarkeit der Waffe erklärt das Phänomen des Amoklaufs nicht, obwohl dies gerne als nahe liegende Antwort gesehen wird. Ein erschwerter Zugang zu Waffen könnte helfen, die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufs zu reduzieren - ein sinnvolles Ziel, die Wurzel des Übels wird damit noch nicht herausgerissen.
In unserer modernen Gesellschaft ist noch die virtuelle Gewalt hinzugekommen, die insbesondere Jugendliche beim Spielen mit sogenannten Ego-Shootern erlernen. In wie weit das virtuelle Töten einen Einfluss auf reale Taten hat, ist heftig umstritten. Bisher hatten aber alle Amoktäter solche Killerspiele genutzt. Eine katalysatorische Wirkung der Gewaltphantasien, die solche Spiele gerade bei labilen Jungendlichen erregen können, muss berücksichtigt werden, ebenso wie der Verdacht, dass diese Killerspiele gezielt zur Tatvorbereitung genutzt werden.
Finaler Gewaltakt gegen das Umfeld
Finale Taten, in der sich der Täter am Ende seines exzessiven Gewaltausbruchs selbst tötet, gehören zu den schrecklichen, leider stets wiederkehrenden Ereignissen. In Familiendramen tötet meist der Vater aus Verzweiflung seine eigene Familie und richtet sich am Ende selbst. Sieht vielleicht der jugendliche Amokläufer als sein primäres Umfeld die Schule und nicht die Familie an? Ist deshalb die Schule das Ziel? In südlichen Ländern, in denen traditionell die Familie einen höheren Stellenwert hat, sind weniger Amokläufe bekannt. Der Zerfall familiärer Strukturen könnte also erklären, weshalb die Schule als Ort einer finalen Tat gewählt wird.
Drogen und Psychopharmaka
Es ist eigentlich nicht begreiflich, in welchem psychischen Zustand sich ein Amokläufer befinden muss, damit der ein, zwei, mehrmals auf Menschen schießen und sie gezielt hinrichten kann. Es gibt nur zwei Erklärungen: unbändiger Hass oder eine absolute Gleichgültigkeit. Wäre es der Hass, müsste er sich - bei der abartigen Dimension der Tat - aufbauen und in Form von Gewaltausbrüchen zuvor aktenkundig werden oder sich doch zumindest ankündigen. Ein solcher Hass für einen solchen Gewaltexzess kann sich nicht über Nacht aufbauen. Es sei denn, dieser Zustand wird über Drogen oder Psychopharmaka erreicht. Wäre bei einem Drogenmissbrauch die Verantwortlichkeit beim Täter zu suchen, sähe dies bei Nebenwirkungen eines Psychopharmaka anders aus. Verhaltensänderungen und die Gefühlskälte eines Zombies werden im Zusammenhang mit Nebenwirkungen eines Antidepresssiva und eines Amoklaufs der Northern Illinois University im Jahr 2008 diskutiert. Dies ist nicht der einzige Hinweis auf den Zusammenhang von Psychopharmaka und Amokläufen. Die bange Frage ist daher begründet, ob unsere Kinder mit schulmedizinisch verabreichten Drogen zu Killermaschinen werden.
Nihilismus in unserer Gesellschaft
Aber offen gesagt, in unserer Gesellschaft bedarf es keiner Drogen mehr, um eine Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit zu erlangen, die Taten wie in Winnenden erklären könnten. Unsere Kinder wachsen mit morbiden Gewaltdarstellungen in Kinderzeichentrickserien auf, die später in Fernsehen, Kino und DVD durch realistische Darstellungen ersetzt werden. Und unsere Politik heroisiert zunehmend das eigene Militär. Am Hindukusch verteidigt unsere Streitmacht die westliche Freiheit und auf den widrigen Weltmeeren kämpft sie tapfer gegen die vogelfreien Piraten. Bald dürfen wir die Waffengewalt unserer Soldaten im Innern bewundern. Ein Abschuss eines deutschen Passagierflugzeugs durch deutsche Tornados ließe sich bestimmt mit den üblichen B-Promis zu einem herrlichen, 3-teilgen Block-Buster verfilmen.
Wir sind doch schon soweit, dass in den Werbepausen der virtuellen Tötungsorgien der Filmindustrie als Appetithäppchen in den Nachrichten die Bilder des wirklichen Tötens eingestreut werden. Töten als konsumierte Nebensächlichkeit. Wir tolerieren die Gewalt auf den Bildschirmen, warum sind wir über die Realität nur so schockiert?
Die gesellschaftliche Überforderung durch die Moderne
Die weltweite Entwicklung, angefeuert durch die Globalisierung, hat eine Dynamik, die unsere Gesellschaft zu überfordern scheint. Jeder ist überall zu jederzeit erreichbar, die Informationsflut schwabbt durch alle Medienkanälen auf uns ein und in riesigen Datenbanken wird alles wichtige und unwichtige festgehalten. Die Massentechonolgien, wie das Internet, die Massenmedien oder Massenvernichtungswaffen, wirbeln die Grundfesten der Gesellschaft jeden Tag aufs Neue durcheinander. Werte und Grundsätze von gestern werden zu steinzeitlichen Relikten, heute ist eine neue Welt und wie das Morgen sein wird, weiß keiner - nur eines ist gewiss, sie wird vollkommen anders sein. Ist in einem solch dynamischen Umfeld überhaupt eine gesunde kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung möglich? Was muten wir unseren heranwachsenden Kindern zu, wenn wir selbst nur versuchen können, unsere Orientierung zu behalten? Ich bin Realist genug, um die traurige Antwort zu kennen.
Die üblichen Leitbilder und Visionäre unserer Zeit, die in Umbruch- oder Krisenphasen Orientierung bieten könnten, entblößen sich zu oft als schlichte Versager. Der Politiker ist korrupt, der Sportler gedopt und der Künstler kann nur mit pornografischen Gewaltdarstellungen Aufmerksamkeit erregen.
Bietet in einer solchen Welt die Waffe nicht Sicherheit? Ist die absolute Macht über das Leben und den Tod des anderen der einzig noch vorhandene Fixpunkt unserer Gesellschaft? Verbleibt der finale Akt des Selbstmordes als das einzig Sinnstiftende?
Warum stellen wir uns nicht der entscheidenden Frage?
Ich habe versucht, die entscheidende Frage für mich zu beantworten: haben wir eine Kultur des Bösen? Auf der Suche nach der Antwort, bin ich auf die Fragen gestoßen, die ich in diesem Artikel gestellt habe. Gewissheit fand ich keine einzige, der Amoklauf von Winnenden bleibt für mich unerklärbar. Auch meine Verunsicherung ist geblieben, ich kann sie nur besser artikulieren:
Schauen wir weg, wenn unsere Kinder den Anschluss an die Gesellschaft suchen und dabei scheitern? Möchten wir selbst im Hamsterrad der Gesellschaft ungestört ohne die Infragestellung der Jugendlichen weiterstrampeln? Geben wir ihnen die Fernbedienung, die Kinokarte, kaufen den Ego-Shooter, um uns vor den drängenden Fragen unserer Kinder zu drücken? Lebt unsere Gesellschaft nicht tödliche Gewalt als heroische Konfliktlösung vor und zelebriert diese jeden Tag auf neue in den Massenmedien? Bietet unsere Gesellschaft unseren Kindern überhaupt noch einen sinnvollen Lebensentwurf an?
In den Medien kehrt Ruhe ein. Diese Ruhe sollte aber keine gleichgültige, weg schauende sein. Es gibt einfach zu viele unbeantwortete Fragen und zu viele Möglichkeiten zu handeln. Was ist zu tun? Die Eltern der Opfer des Amoklaufs in Winnenden haben ihre Forderungen in einem offenen Brief formuliert - das wäre ein Anfang. Oder wird alles bleiben wie es ist, der nächste Amoklauf wird kommen und wir dürfen unseren traurigen Titel des europäischen Land des Schulamokslaufs behalten?
27. März 2009 von stillewasser |
Kategorie Medienkritik Politik
Schlagworte Winnenden













