Massenmedien und Massenmorde
Unsägliches muss berichtet, Ungeheuerliches muss diskutiert werden können:
Amoklauf - 16 Menschen getötet
Wie kann diese Tat verstanden, wie das Ausmaß des Leids begreiflich werden? Massenmedien entfalten in einem solchen Fall eine beruhigende Routine. Der Ablauf wird minutiös rekonstruiert, Augenzeugenberichte eingespielt und Leben und Familie des Täters durchleuchtet. In verständlichen Häppchen werden die Informationen aufbereitet und Unfassbares wird leichter verdaulich. Dank der neuen Medien konnte der Amoklauf diesmal mit Twitter mitverfolgt werden. Und selbst auf die Frage, wieso unsere Kinder zu blutrünstigen Terroristen werden, haben Amok-Experten die passende Antwort: “Jemand, der andere Schüler erschießt, ist nie ein glücklicher Mensch.” Jetzt werden die Spuren gesichert und verwertet. Ist soweit alles klar, dann kann die Schule renoviert werden und die Überlebenden des Amoklaufs erhalten eine psychologische Nachsorge. Es sollen schließlich keine sichtbaren Spuren zurückbleiben. Nach einer üblichen medienpolitischen Aufarbeitung mit gebührender Emotionalität und vorprogrammierter Ergebnislosigkeit darf die Nation wieder zum Alltag übergehen. Beim nächsten Amoklauf wird die obligatorisch zitierte Historienliste um einen Eintrag länger.
Kann die Tat im Grunde als medialer Akt verstanden werden? Der Illusion seines eigenen Seins hat der Amokläufer mit dieser Tat das ihm zugedachte Leben eingehaucht. Ein einziges mal durfte er die Hauptrolle spielen und das im eigenen Film. Als Drehbuch diente die Vorlage des todsicheren medialen Blockbusters: der Amoklauf. Eine dunkle Maskierung, Waffen, auf Menschen anlegen, zielen, abdrücken und echtes Blut fließen lassen - bis zum endgültigen Showdown.
Wer ist der Regisseur einer solchen Inszenierung? Wirklich der Amokläufer oder unterlag er der Macht der medialen Wirklichkeit aus Kino, Fernsehen und Computerspielen? Auf diese Frage wird es keine Antwort geben. Jedenfalls ist unabhängig davon die Vermarktung eindeutig geklärt. Sie wird von den Massenmedien übernommen: in Echtzeit, hautnah und tabulos.
Und wir? Wir sehen dem Spektakel geschockt, aber gebannt fasziniert zu. Jede Neuigkeit wird aufgesaugt und jede kleinste Information als wichtig erachtet. Nur, was wird uns wirklich gezeigt? Im Grunde wissen wir es doch: die Massenmedien sind nichts anderes als ein Spiegel, ein Spiegel unserer Gesellschaft, ein Spiegel unseres Lebens. Täglich konsumieren wir unsere Dosis Sex und Crime, das reale Töten wird als Pausenfüller in unsere mediale Realität eingestreut. So wollen wir es haben, so sind wir es gewohnt, wenn wir abends nach der Arbeit wohlverdient auf die Fernbedienung drücken. Im Fernseher können wir dann die Welt ihre gewohnten Bahnen ziehen sehen und können beruhigt einschlafen.
Nur, etwas stimmt nicht, irgendetwas ist aus dem Ruder gelaufen. Ein Jugendlicher aus unserer Welt ist zum Massenmörder geworden! Wieder einmal! Er war entschlossen, sein Leben in einem größtmöglichen Gemetzel zu beenden, in einem kaltblütig verübten Blutbad so viele Menschen wie möglich mit in den Tod zu reißen und unsägliches Leid den Hinterbliebenen zuzufügen. Wie ist es dazu gekommen, diesen Weg des Selbstmords als sinnvoll zu erachten? Woher kommt die Motivation und Energie eine solche Tat zu vollenden?
Warum machen wir es uns einfach?
Warum suchen wir nicht die schmerzhaften Antworten?
Mein Mitgefühl gilt den Überlebenden und den Familien der Opfer des Amoklaufs.
Ein Mensch muß bei seinem Tod etwas dalassen. Ein Kind oder ein Buch oder ein Bild, ein Haus oder wenigstens eine Mauer, die er gebaut, oder ein Paar Schuhe, das er geschustert. Oder einen Garten, den er angelegt hat. Irgend etwas, das deine Hand anrührte, so daß deine Seele eine Bleibe hat, wenn du stirbst, und wenn die Leute den Baum oder die Blume, die du gepflanzt hast, anschauen, dann bist du da. Ganz gleich, was man tut, solange man etwas von seinem eigenen Wesen in irgend etwas hineinsteckt.
Ray Bradbury
12. März 2009 von stillewasser |
Kategorie Medienkritik
Schlagworte Winnenden
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