Der Fall Lehman
Die Weltwirtschaftskrise hat historisch Dimensionen erreicht, deren absehbaren Folgen noch nachfolgende Generationen belasten werden. Zu solch einschneidenden Ereignisse gehören auch immer verklärende Mythen, welche diesen dunklen Zeiten einen Schimmer von Glanz verleihen möchten.
Eines dieser Mythen ist der Kollaps von Lehman Brothers, welcher der Legende nach die Finanzkrise auslöste. Diese These vertritt zumindest unser strahlender Paraphrasenheld Steinbrück im Untersuchungsausschuss zum Schwarzen Loch des deutschen Bankensystems.
Beginnt man den Mythos zu hinterfragen, bleibt meist wenig von ihm übrig. Im Fall Lehman Brothers gibt es gar keinen wahren Kern, denn vor dem Kollaps war die Finanzkrise längst ausgebrochen und der Interbankenhandel bereits eingetrocknet.
Dennoch war der 15. September eine Zäsur. Unter den Bänkern herrschte schon lange kein Vertrauen mehr, denn jeder wusste um die unvorstellbare Menge an toxischen Giftmüll, die weltweit in den Bankbilanzen gebunkert wurden. Die Ungeheuerlichkeit des Falls der Lehman Bank bestand nun darin, dass sich dieser Akt der Selbstzerfleischung der Hochfinanz fortsetzen könnte. Das nächste Messer würde vielleicht im eigenen Rücken stecken. Schlagartig wurde allen bewußt, das Finanzsystem konnte sich nicht mehr selbst retten. Die nackte Angst herrschte, ein Ausweg musste dringen her, die Kernschmelze drohte: in Deutschland gab es die reale Gefahr, dass die Automaten kein Geld mehr heraus gegeben hätten.
Außergewöhnliche Rettungsmaßnahmen waren notwendig, es hätten aber nicht gleich verfassungswidrige sein müssen. Die Guthaben und Einlagen wurden bereits von unserer Kanzlerin garantiert, weshalb war die Rettung aller Banken, auch der größten Giftmüllhalden, dann noch notwendig? Es bedurfte einer üblen Erpressung, wie im Nachhinein auch die Kanzlerin feststellte, in dem alle Finanzinstitute als systemisch deklariert wurden. Dieser hinterhältige Akt lud die Verluste der Finanzkrsie auf den starken Schultern des schwachen Sozialstaates ab. Die Konsequenz war, dass mit dem neu geschaffenen Begriff systemisch die Regeln des freien Marktes abgeschafft und mit dem Mittel der Erpressung die demokratischen und rechtsstaatlichen Mechanismen ausgehebelt wurden.
Und wer weiß, vielleicht ist der Fall der Investmentbank Lehman Brothers sogar noch profaner als alle denken. Eine der unbeantworteten Fragen ist, weshalb wurde eigentlich Lehman fallen gelassen, obwohl andere, weitaus schiefere Finanzinstitute wie die AIG mit Unsummen gestütz wurden? Einen ökonomisch rationalen Grund gibt es für dieses Verhalten der amerikanischen Regierung nicht. Ein Verdacht drängt sich auf, es könnte sich um eine billige Intrige der amerikanischen Hochfinanz handeln. Oder ist der Mythos doch wahr, und Lehman Brothers musste den marktradikalen Kräften geopfert werden, um diese abzuschaffen?
Die Erschütterungen des Finanzsystems, den der Kollaps auslöste, wirken heute noch nach: der Interbankenmarkt hat sich noch immer nicht erholt und muss noch massiv mit Zentralbank- und Staatshilfen gestützt werden, während die Kleinanleger meist leer aus gehen. Aber ansonsten hat sich nichts geändert: die Spieler zocken wieder und die Dummen zahlen die Zeche.
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15. September 2009 von stillewasser |
Kategorie Finanzkrise Politik USA Wirtschaftskrise
Schlagworte Lehman Brothers













