Neues aus dem Elitariat (5): Der Gipfel
Dort oben, auf den höchten Höhen, dort wo alles auf die Spitze getrieben wird, genau da auf den Gipfeln der Treffen, tummeln sich unsere Elitariaten am liebsten. Es ist alles da, was sie brauchen: Sicherheitsstufe 1 inklusive Terror- und Bürgerabwehr, blitzlichternde Hofberichterstatter und eine Bühne für ihre geltungssüchtige Oberflächligkeit. Leider gibt es für unsere edlen Schaumschläger ein nicht lösbares Problem: So ein Gipfeltreffen hat auch ein Thema und das sollte noch nebenbei zu einem alle beglückenden Ergebnis geführt werden.
Diesmal war das Thema in Kopenhagen die Klimakatastrophe und als Ergebnis sollte ein Nachfolger des Kyoto-Protokolls aus der Taufe gehoben werden. Solche weltbewegenden Kleinigkeiten erledigt unser Elitariat mit links*. Leider waren sie diesmal ein wenig unachtsam und haben die paar absaufende Felsbrocken im pazifischen Ozean übersehen: Tuvalu. Eigentlich sollten Nebensächlichkeiten wie die eigene Existenzgrundlage dem hehren Ziel des Gipfels untergeordnet werden, aber der kleine Insellstaat konnte trotz aller Bezirzungen nicht vom Irrglauben abgebracht werden, dass die heiße Gipfelluft schädlich für die Umwelt und dem gesunden Menschenverstand sei. Die Abgesandten Tuvalus verweigerten sich den lauen Kompromissen konsequent und liesen den Gipfel gnadenlos, aber berechtigt scheitern.
Im Scheitern liegt immer auch immer eine Chance, dachte sich unser elitäritärer Experte für sinnsuchende Wortfetzenkombinationen, Peter Sloterdijk. Genial brilliant zieht er das Fazit, dass für eine effektive Weltsteuerung andere Organe erfunden werden müssen. Sehr richtig, wenn unsere verwöhnten Gören ihre Lieblingsspielzeuge, wie diesmal den putzigen UN-Gipfel, lustlos kaputt machen, dann muss das nächste Organ zum Spielen noch größer und noch toller werden. Spätestens an diesem Punkt erkennt jeder Unterschichtenfernsehzuschauer, dass gewisse moderne pädagogische Ansätze noch nicht bis zu den verkrusteten Oberschichten durchgedrungen sind. Eine Elitariat-Super-Nanny würde unsere Gipfelversager erst einmal auf der Wuttreppe, auf die sie sich immer am Gipfelende freiwillig versammeln, solange stehen lassen, bis sie versprechen, keine Gipfel mehr platzen zu lassen - auch wenn sie, wie dies immer unsere Kanzlerin vormacht, die Luft bis zur Besinungslosigkeit anhalten.
Zudem mangelt es unserem Elitariat, wie wir wissen, nicht an Weltorganen, sondern ihr Defizit liegt vielmehr bei der Verwendung ihrer eigenen. Die sauerstoffarme Gipfelluft kann unserem Elitariat einfach nicht gut bekommen. Statt immer höher hinaus in die klimatische Todeszone vorzustoßen, sollte es sich mal wieder in die gemäßigten Zonen in Bodennähe begeben und ihren Denkorganen endlich wieder eine Brise Sauerstoff gönnen. Es ist mehr als nötig!
Noch eine kleine Randnotiz zum Gipfels, es ist wirklich nur eine nicht berichtenswerte Lappalie: die lästige Pressefreiheit musste außerhalb der Hofberichterstattungszeiten eingeschränkt werden. Nur ein paar Randfiguren, die Chefs beider öffentlichrechtlicher Rundfunkanstalten, haben sich in einem offenen Brief über die alternativlosen Zustände des Gipfel beklagt, der verschämt in einer Infobox versteckt wurde:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir möchten hiermit gegen die massive Beschränkung der freien Berichterstattung auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen protestieren. Seit heute dürfen sich Journalisten im Konferenzzentrum nicht mehr frei bewegen. Drehs außerhalb des Pressezentrums sind nur noch möglich, wenn ein Delegationsmitglied das Kamerateam und den Reporter an der Sicherheitsschleuse abholt und das Team dann von einem UN-Verantwortlichen begleitet wird. Spontane Drehs sind unmöglich. Selbst die UN-Medienkoordination wurde offenbar von diesen Maßnahmen überrascht, da die Verschärfung nicht angekündigt war. Diese Maßnahmen verstoßen gegen die Presse- und Rundfunkfreiheit und behindern die Arbeit der Medien in höchstem Maße. Wir sehen das Recht der freien Berichterstattung massiv eingeschränkt. Daher fordern wir die sofortige Aufhebung dieser Einschränkung für alle Journalistinnen und Journalisten auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen.
Mit freundlichen Grüßen,
Nikolaus Brender Thomas Baumann
Chefredakteur ZDF Chefredakteur ARD
*) hihi
22. Dezember 2009 von stillewasser |
Kategorie Elitariat Politik Satire
Schlagworte Angela Merkel Gipfel Kopenhagen Nikolaus Brender Peter Sloterdijk Pressefreiheit Thomas Baumann Tuvalu UN Weltherrschaft
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