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Vom Gelbfieber zur Gelbsucht

aeskulapDer Gesundheitszustand unseres Gesundheitssystems hat sich rapide verschlechtert. War es zuerst nur leichtes Gelbfieber, so hat es sich nun zu einer richtigen Gelbsucht entwickelt. Die kleine Rosskur, auch unter dem Namen Rösler-Kürle bekannt,  hat im Gesundheitssystem angeschlagen.
Das Ziel der Kur ist klar vorgegeben: die  Zwei-Klassen-Medizin, in dem sich das Elitariat auch gesundheitlich vom gemeinen Volk abgrenzen darf. Die widernatürliche gesetzliche Einheitsversorgung muss so schnell wie möglich in kapitalgedeckte Privatmodelle überführt werden. Erst dann haben die Versicherten die Freiheit, je nach Geldbeutel ihre Gesundheit zu versichern oder zu erkaufen. Eine solche Selbstbeteiligungen ist in den Augen der FDP für ein kosten- und gesundheitsbewusstes Verhalten unerlässlich. Nur Reiche können sich dann die Gesundheit leisten und werden sie erst im Gegensatz zum armen und kranken Gesundheitsprekariat so richtig zu schätzen wissen.

Genau hier setzt die Kopfpauschale an. Sie bereitet den Krankenkassen die notwendigen Verluste in Milliardenhöhe, um die schädliche Einheitsversorgung in eine rudimentäre gesundheitliche Versorgung umzuwandeln. Große Teil der Gesundheitsversorgung müsste dann über Zusatzversicherungen abgesichert werden oder aus dem Geld- oder Kreditbeutel bezahlt werden. Der Zwei-Klassen-Medizin wäre damit endgültig der Durchbruch gelungen.

Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat bereits gute Präventivpolitik geleistet und große Teile dieser Vision umgesetzt. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, darf endlich diesen stolzen Erfolg verkünden: Eine “heimliche Rationierung” konnte bereits schleichend eingeführt werden. Auf dieser soliden Basis kann der neue Abteilungsleiter Grundsatzfragen im Gesundheitsministerium aufbauen. In der Führungsebene im Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) konnte Christian Weber die für seine Aufgabe notwendigen Lobbyismuskenntnisse erwerben. Seine wichtigste Aufgabe dürfte ihm mühelos gelingen: der Weg zurück ins alte gesetzliche Gesundheitssystem muss unbedingt verbaut werden!

Noch ist der Weg steinig, noch gilt es ein paar Hindernisse zu beseitigen. Ein solches war zum Beispiel der oberste “Pharmawächter” Peter Sawicki. Viel zu oft erkannte er nicht segensreichen Nebenwirkungen der Scheininnovationen oder er hatte ein falsches Händchen bei der Bewertung von Studienergebnissen. Für den Tatendrang der Tigerenten-Regierung ist jedoch kein Brocken zu groß, um die Wünsche der Pharmaindustrie zu erfüllen. Eine 08/15-Anschuldigung, gewürzt mit einer Brise Humor, führt zum gewünschten Erfolg:  eine Dienstwagenaffäre wurde der Anlass für Sawickis Rücktritt. Wie schon unsere ehemalige Gesundheitsministerin demonstrierte, sind Dienstwagenparagraphen üblicherweise dehnbar, auch über hunderte von Kilometern - jedoch nur, wenn die Spielregeln der Pharmaindustrie eingehalten werden. Sawicki hat sie aber einfach nicht verstanden und deswegen musste er gehen. In einem modernen Gesundheitssystem ist nämlich nicht die Qualität der Medikamente entscheidend, sondern deren Rendite .

Wichtige Weichen sind gestellt, die Zwei-Klassen-Medizin wird alternativlos umgesetzt. Die Sonderrabatte für die FDP bei einer großen privaten Krankenkasse sind also weiterhin gesichert.
Rösler fürchtet sich bei der Verfolgung dieser Vision ohnehin nicht vor der Konfrontationen mit der Bevölkerung: “Meine Aufgabe ist es nicht, gute Umfragewerte zu haben.” Sehr richtig, ein gelbsüchtiger Gesundheitsminister hat eine bitter-ernste Aufgabe zu erfüllen: er muss schließlich die Leute krank machen, damit sie die teuren Leistungen der privaten Kassen auch in Anspruch nehmen.

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23. Januar 2010 von stillewasser | Kategorie Politik Satire
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4 Antworten zu “Vom Gelbfieber zur Gelbsucht”

  1. Peleo
    25. Januar 2010 um 16:05

    Bei SPON gibt es eine Diskussion über Vor- und Nachteile der PKV:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,672078,00.html

    Auch PR-Theorien aller Art sind dabei.

  2. stillewasser
    25. Januar 2010 um 17:11

    Danke Peleo für den Link.
    Leider ist es in unserer Informationsflut immer schwer, harte Fakten zu erhalten. Dann muss halt wieder das gute alte Bauchgefühl herhalten, wie das des Ombudsmanns der PKV’s.
    Eines meiner Unbehagen zeigt der Artikel deutlich. In gesetzlichen Kassen erfolgt die medizinische Leistung zuerst und dann können sich juristische Prozesse anschließen, bei PKV können einem die medizinischen Leistungen versagt werden. Und wenn sich nach dem Willen der Mövenpick Partei der kleine Mann gegen die großen PKV’s wehren muss, werden sich die juristischen Rahmenbedigungen noch durch gute Lobbyarbeit zu Gunsten des Stärkeren modellieren lassen.

  3. Peleo
    25. Januar 2010 um 21:58

    Das ist leider zu erwarten. Denn schon jetzt versuchen sie, Leistungen als “medizinisch nicht notwendig” abzulehnen. Ein Fall: OP-Kosten 22500 Euro, abgelehnt, erst nach Prozess teilweise erstattet. Nur wenige werden das vorfinanzieren können und die Belastung und das Risiko eines Gerichtsverfahrens aushalten.

  4. stillewasser
    26. Januar 2010 um 09:43

    @Peleo
    Kranke Menschen zu ruinieren, das nennt man in Fachkreisen ein gesundes Geschäftsmodell.

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