Die Bischöfin und die Buße
Gastbeitrag von Frank Benedikt
Ganze vier Monate war sie im Amt, nun ist sie als Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der EKD zurückgetreten: Margot Käßmann. Unbequem war sie, eine streitbare “Gotteskriegerin”, die sich für die Schwachen einsetzte und zuletzt erst bei der Afghanistanfrage auch den Diskurs mit Verteidigungsminister zu Guttenberg nicht scheute. Eine mutige Frau, die auch öffentlich über ihre Scheidung und ihren Brustkrebs sprach – für eine Frau in ihrer Position sicher nicht selbstverständlich.
Nach ihrer Trunkenheitsfahrt vom Samstag, die in den Medien weidlich ausgeschlachtet wurde, allen voran natürlich mal wieder von der unsäglichen BILD mit F. J. Wagners hämischem Kommentar, wurden sofort Stimmen laut, die einen Rücktritt erwarteten, auch wenn der Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland geschlossen hinter seiner Vorsitzenden stand. Ohne langes Zögern reagierte Käßmann heute in gewohnt konsequenter, ja “radikaler” Art und legte ihre hohen Ämter nach einer eindrucksvollen Erklärung nieder – eine Konsequenz und Integrität, die viele Politiker und Wirtschaftsbosse leider völlig vermissen lassen.
Wie war es denn seinerzeit mit Otto Wiesheu, der 1983 betrunken einen Menschen totfuhr und einen weiteren schwer verletzte? Und wie 2009 bei Dieter Althaus, dem zwar kein Alkoholeinfluss nachgewiesen wurde, der aber trotzdem fahrlässig gehandelt und damit den Tod eines Menschen verursacht hat? Beide blieben in ihren Ämtern und nur Wiesheu wurde zeitweilig “zurückgestuft”, bevor er 1993 gar – man beachte die Ironie! – Verkehrsminister wurde. Wie anders hat da doch Margot Käßmann gehandelt und damit ihre persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität sowie die ihrer Kirche erneut unter Beweis gestellt!
Natürlich ist eine Trunkenheitsfahrt mit 1,54 Promille kein Kavaliersdelikt, wie auch die Bischöfin inzwischen wohl (wieder) erkannt hat, und es besteht doch erhebliche Gefahr, nicht nur für einen selber, sondern auch für Leib und Leben anderer, aber – “es ist ja noch mal gutgegangen” und “tätige Reue”, in Verbindung mit der zu erwartenden hohen Geldstrafe, hätte nach Ansicht einiger Kommentatoren wohl ausgereicht. Der Rücktritt wird daher eher als falscher Schritt angesehen, wenn er auch – betrachtet man den Menschen Margot Käßmann – als “menschlich verständlich” gilt und trotz seiner Radikalität nicht ganz unerwartet kam.
Mit der vormaligen Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden verliert die deutsche Friedensbewegung eine ihrer gewichtigsten Stimmen im Kampf um eine zügige Beendigung des Afghanistan-Einsatzes und wir alle – gläubig oder nicht - verlieren nach Ansicht des Autors einen sehr integeren und engagierten Menschen, der noch so manchen Denkanstoss zur politischen Debatte in Deutschland hätte beitragen können. Chapeau, Madame Käßmann!
[fb]
(Der Autor dieser Zeilen ist ein “Ungläubiger”, hat mit 11 Jahren seinen Vater durch einen betrunkenen Autofahrer verloren, ist ein Jahr später selber einer angetrunkenen Dame unter die Räder gekommen und leidet noch heute an den Spätfolgen.)
(Anmerkung von stillewasser: Ich habe diesen Artikel gerne übernommen, denn er beschreibt viel eloquenter und besser, was ich mit dem Käse meinte.)
Der Artikel wurde von Frank Benedikt auf Auto-Anthropophag veröffentlicht.
24. Februar 2010 von stillewasser |
Kategorie Krieg Politik
Schlagworte Auto-Anthropophag Frank Benedikt Margot Käßmann Religion
6 Antworten zu “Die Bischöfin und die Buße”
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Frank Benedikt
25. Februar 2010 um 02:24Am Schluß fehlt ein Wort, lieber Marc: “veröffentlich” bzw. “geschrieben”
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Frank Benedikt
25. Februar 2010 um 02:25Danke übrigens herzlich für das “eloquent” - ich habe nur versucht, dem Ausdruck zu geben, was mich gestern “politisch” bewegt hat.
LG
Frank -
stillewasser
25. Februar 2010 um 09:23@Frank
gerne

Den Fehler habe ich korrigiert und meinem Lektor auf die Finger geklopft *aua* -
Petty
25. Februar 2010 um 10:55Also für das Niveau von F.J. Wagner, halte ich den Kommentar für relativ harmlos…
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stillewasser
25. Februar 2010 um 14:24@Petty
Vielleicht dachte Wagner, ich hebe mir etwas Munition für später auf. Das war wohl die falsche Strategie
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Petty
25. Februar 2010 um 19:35Ja, immerhin kennt er 2 Strategien: mitfühlend und verständnisvoll oder voller Verachtung…ein sehr vielseitiger Mensch….













