Hofberichtblogging (11): Afghanistan
Während der Abstimmung zur notwendigen Truppenaufstockung für den alternativlosen Afghanistaneinsatz provozierte die LINKE einen Eklat. Sie hat damit dem parlamentarischen Vorgang seine angemessene Würde genommen. Was für ein unglaublicher Frevel, eine solch staatstragende Entscheidung so zu diskreditieren!
Gut, dass die harte Hand des Bundestagspräsidenten Lammert schnell und entschieden durchgriff, ein weiterer Schaden konnte somit abgewendet werden.
Zur Nebensächlichkeit wurde, was nebensächlich ist: mit dem Beschluss ist unser Kontingent in Afghanistan um 850 auf 5.350 Soldaten erhöht worden und es kann jederzeit mit einer flexiblen Reserve auf 5.700 Männern und Frauen aufgestockt werden.
Solche unerhörte Aktionen aus dem extremistischen Spektrum erschweren den Einsatz. Ohnehin leidet das Image des Militärs, weitere Kratzer in der tadellosen, olivgrünen Panzerung sind unerwünscht. Zum Ausbessern und Blankpolieren solcher unangenehmen Blessuren ist eine solide Hofberichterstattung oder die etwas modernere Form des Hofberichtbloggings vonnöten. Fangen wir mit den Ausbesserungsmaßnahmen an:
Die Alternativlosigkeit des Afghanistaneinsatzes ist im Grunde offensichtlich, nur leider kann sie nicht jeder verstehen. Sie liegt im Wesen unserer Kultur begründet: wie sonst lässt sich unser kindlicher Expansionsdrang noch ungehindert austoben - außer eben im Krieg? Hm?
(via erlkönig)
Nicht ohne Grund haben sich unsere Politiker den afghanischen Sandkasten für ihre geopolitischen Militärspiele ausgewählt. Der Hindukusch ist als ein historischer einmaliger Ort eine herrliche Gelegenheit, um die gefühlte Überlegenheit der eigenen Kultur in all ihrer omnipotenten Ohnmacht zu demonstrieren. Dieses meist am Rande der Wahrnehmungsschwelle liegende Land war stets ein Anziehungspunkt für großmächtige Ambitionen, in seinen unzähligen Kriege ist sein Boden mit dem Blut scheiternder Weltmächte getränkt.
Für uns Deutsche sind nach den Rückschlägen zweier verlorenen Weltkriege die steinigen Pfade Afghanistans genau der richtige Weg, um das Schlachtfeld der Weltpolitik wieder zu betreten. Nur die steilen Hänge der endlosen Gebirgsketten Afghanistans sind dem germanischem Heldentum gewachsen. Welch würdige Kulisse für ein unwürdiges Schauspiel!
Zu Hause in sicherer Entfernung können unsere Politiker aus ihren eingebunkerten Floskelstellungen die Strategie für den sicheren Endsieg entwickeln. Es ist zur politischen Routine verkommen, in regelmäßigen Abständen eine neue Strategie zu verkünden, die uns den Sieg sichert und nur eines dazu benötigt: mehr Soldaten!
Es ist die ehrenvolle Aufgabe der Hofberichterstattung, diese politisch erwünschten Realitäten im fernen Land dem Bürger in all ihrer Schlichtheit näher zu bringen. Diese politischen Heilsversprechungen bewahrheiten sich stets, denn genau dies ist der Sinn und Zweck der Hofberichterstattung. Das bewahrt den braven Bürger vor dem Hinschauen, er muss nur diese politischen Lügen und die ständigen Tabubrüche alternativlos tolerieren. So werden die politische Lügen zu den Lügen von uns allen.
Der gutmenschliche Elan, den talibanen Barbaren durch den zivilen Aufbau zu einer westlichen Demokratie zu verhelfen, ist in den Wüsten Afghanistans zum Wohle aller versandet. Ein solch naiver Idealismus konnte ja nicht gut gehen. Die Taliban sind einfach hoffnungslos lernresistent. Der sanften Gewalt folgt nach den bewährten Regeln der alternativlosen Kriegslogik die harte. Und bitte, sie hatten doch ihre Chance! Und wer nicht hören will muss fühlen! Nach dem Fördern folgt das Fordern, dem Zuckerbrot folgt die Peitsche. Das ist nun mal so im Leben! Und man muss doch mal sagen dürfen, es reicht nichts an die Effektivität präzis ausgeführter Luftschläge heran, um auch dem letzten Idioten die Vernunft ins Hirn zu bomben! Und jeder weiß doch, dass gezielt dosiertes Artilleriefeuer die Herzen der Menschen zu hundertern zu zerfetzen vermag! Vergessen wir dabei nicht die armen Kinder, für sie gibt es keine bessere Spielwiese als ein Minenfeld. Die Dummen und Schwachen werden aus selektiert, nur die Intelligenten und Starken dürfen überleben. Auf diese Weise erfahren sie spielerisch die Segnungen unsere westliche Kultur am eigenen Leib.
Die sprachlose Sprache der Gewalt wird weltweit von allen verstanden, auch ohne lästige Pisa-Schulbildung, nicht einmal Lesen und Schreiben sind notwendig. Exzessive Gewalt ist nichts anderes als nachhaltige Politik, die in ihrer Effektivität dem zivilen Aufbau bei weitem überlegen ist. Sie ist eine lohnenswerte Investition in die Zukunft aller Kriegsparteien.
Schauen wir doch einfach einmal stolz auf das zurück, was wir bisher erreicht haben! In Afghanistan wurde gewählt, zwar nicht demokratisch, aber immerhin war es für alle - auch uns Beobachter - ein schöner Zirkus, die Korruption als Aufbauhilfe konnte erfolgreich in allen Bereichen und Landesteilen etabliert werden und auch der prächtig florierende Drogenanbau sollte nicht vergessen werden. Nur der zivile Wiederaufbau ist und bleibt was er war - ein Feigenblatt.
Für diese unglaublichen Leistungen benötigte die NATO als das größte Militärbündnis der Welt nur ganze acht Jahre!
Trotz dieser geballten Erfolgsmeldungen ist die deutsche Heimatfront - man muss es so hart sagen - noch auf einem primitiven Niveau. Manch einer, wie unser ehemaliger Verteidigungsminister Rühe, äußern sogar öffentlich sonderbaren Gedanken über einen baldigen Truppenabzug.
Das wäre die richtige Antwort auf die falsche Frage - wie deuten wir eine Niederlage in einen Sieg um? Dazu bedarf es nicht einmal eines Spins, das geht von ganz alleine. Die Kriegslogik lässt keine Kritik zu, im Gegenteil - sie fordert bedingungslosen Gehorsam bis in den Tod. Einzig der deutsche Blutzoll muss steigen, um die Heimatfront zu einen und dann den naiven Pazifismus mit berechtigter Empörung zum Schweigen zu bringen. Als Kriegsbefürworter muss man daher über jeden heimkehrenden Sarg jubeln.
Unsere transatlantischen Partner sind besorgt und das zu recht. Ohne dass wir jemals unsere altbekannte und berüchtigte Kriegsbegeisterung erreicht haben, scheinen wir kriegsmüde zu werden. Das darf nicht passieren! Lasst uns den Krieg als etwas Wunderbares erkennen! Es ist ganz leicht, ehrlich! Rufen wir uns gegenseitig zu: wir werden gewinnen, wir werden siegen, wir werden unsere Feinde vernichten! Und nochmal! Auf geht’s! Drei mal am Tag, immer wenn die Muezzin schreit! Ja, wir werden gewinnen, das ist sicher! Wir gewinnen an Erfahrung des Tötens und Sterbens! Wir haben den Barbaren in uns wieder gefunden, der sich an Graumsamkeit mit den Taliban messen kann! Wir gewinnen neue Perspektiven! Die Rüstungsindustrie, klar, aber nicht nur! Wir können sogar unsere ausrangierten Polizeiwaffen wieder einer sinnvollen Verwendung zuführen! Das Potenzial für Weiterbildungsmaßnahmen für Hart IV’ler ist bisher nur angedacht, aber noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft! Endlich können wir alte Versprechungen einlösen! Die Ossis dürfen endlich die freie Luft am Hindukusch genießen! Wer hat schon an die unerschöpflichen Vermarktungsmöglichkeiten gedacht? Der Krieg bietet genug authentisches Material für mehrere Kinofilme oder vielleicht sogar einer Daily-Soap! Afghanistan und das Abendprogramm sind gerettet! Das ist doch toll, nicht?
Es gibt vieles zu gewinnen, machen wir also alternativlos weiter-so! Nur eines werden wir nicht gewinnen: diesen unnützen Krieg …
Lesenswerte Links zum Thema:
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- Die Macht des Militärs muss begrenzt werden
27. Februar 2010 von stillewasser | Kategorie Hofberichtblogging Krieg Satire
1 Antwort zu “Hofberichtblogging (11): Afghanistan”
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Hofberichtblogging: Afghanistan « Auto-Anthropophag
28. Februar 2010 um 22:09[...] des SZenso-Blogs und schreibt dort regelmäßig satirisch-kritisches. Der vorliegende Beitrag ist im Original bei ihm [...]













