Sind Politiker Götter?
Ich habe noch den Tinnitus im Ohr, als unsere Politik und die Medien sich am dänischen Karikaturenstreit der 12 Mohammed-Karikaturen ereiferten. Witze über den wichtigsten Propheten des Islam müssen erlaubt sein! Wenn sich unsere Journaille nicht traut, diese harmlosen Karikaturen ab zudrucken, dann steht uns das unweigerliche Ende des Abendlandes bevor!
In der Postmoderne ändern sich Epochen so schnell wie Überzeugungen der Politiker. Der europäischen Aufklärung folgt die spätrömische Dekadenz. Auf einmal machen - völlig wider aller Erwartung - deutsche Komiker Witze über unsere Eliten. Sie trauen sich, die aktuelle “Sozialstaatsdebatte” mit einem deftigen Vergleich aus der deutschen Vergangenheit zu überzeichnen. Dieser blasphemische Akt zieht den religiösem Zorn der Macht auf sich, denn schließlich mussten elitäre Ohren während der Fastenpredigt des Bruder Barnabas beim traditionsreichen Politiker-Derblecken diese schändlichen Worte ertragen:
“Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht - hamma scho moi g’habt. Dann gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Letter: ‘Leistung muss sich wieder lohnen’.”
Als Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, daraufhin gegen den verbalen Stacheldrahtzaun protestiert, klingelt mein Tinnitus wieder. Einen Hörsturz bekomme ich, als der gelbe Ichling Westerwelle sich lautstark über die unerhörte Copyrightverletzung seines Slogans empört. Vollends taub werde ich, als ich den massenmediale Schrei des Entsetzens ob der in Worten gepressten Wahrheit höre: Das ist eine größere Schändung als die 13. Mohamed-Karikatur! Das ist unterhalb des Grundwasserniveaus der kölner U-Bahn! Das ist skandalöser als alle Skandale des asymetrischen Entwicklungskriegers Niebel, dem ausgebuchten Miet-Rüttgers und natürlich Hetzerwelle zusammen! Das muss aufhören, sofort! Ein Stoppschild muss her! Nein, besser die gute alte Zensur!
Michael Lerchenberg hat mit dieser Darbietung des Brudes Barnabas in der Nockherberg-Kanzel die politsatirische rote Ampel mit 200 Sachen und 2,5 Promille überfahren. Bei der schwere des Delikts muss auch ein falscher Kirchenbruder die richtigen Konsequenz ziehen: Rücktritt im Namen der Dekadenz politischer Satire.
Nachtrag: Der Co-Autor von Lerchenberg, der ebenfalls zurücktreten musste, ist übrigens Christian Springer, der auch als “Fonsi” bekannt ist und diese sehens- und hörenswerte Abschiedsworte an Hetzerwelle gerichtet hat:
Lesenswerte Links zum Thema:
- Barnabas’ letzte Predigt
- Schwarzliberale Zensur
- Aufzeichnung: BR zensiert Lerchenbergs Fastenpredigt
- [08.03.10] Nachlese zur Fastenpredigt: Das Verbot des Nazivergleichs schützt die neuen Faschisten
6. März 2010 von stillewasser |
Kategorie Politik Satire Zensur
Schlagworte Dirk Niebel Elitariat Guido Westerwelle Jürgen Rüttgers Michael Lerchenberg
7 Antworten zu “Sind Politiker Götter?”
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Peleo
7. März 2010 um 16:03Ich sehe das so: Bruder Barnabas hat für seine Ohrfeige für Westerwelle zu weit ausgeholt und damit auch ungewollt andere getroffen: Überlebende der Konzentrationslager und deren Angehörige - und Menschen, die mit ihnen fühlen.
Er sieht das wohl inzwischen auch so, sonst hätte er sich nicht entschuldigt, er ist ja nicht der Typ, der das ohne Einsicht tut.
Das Verhalten des BR bei der Wiederholung ist sicher grenzwertig, aber “Zensur” ist wohl doch übertrieben, weil in Zeiten von YouTube ohnehin nicht mehr möglich. -
stillewasser
7. März 2010 um 18:08@Peleo
Vor nicht all zu langer Zeit hätte ich dir vollkommen zugestimmt. Jetzt veranstalten wir gerade nach Aussagen des Vizekanzlers eine Massenorgie der spätrömischen Dekadenz und ein Vorstand der renomierten Deutschen Bank empfiehlt uns - wenn es dabei zu heiß hergehen sollte - kalt zu duschen.
Was ich damit sagen möchte: die Grenze zur Hetze überschreiten andere tagtäglich. Statt zurück zu treten erhalten sie stillen oder offenen Applaus. Ein Grenzübetritt eines Komikers wird jedoch nicht toleriert.
Wenn alle Grenzübertreter, wie Hertzerwelle, Sarrazin und Co. zurücktreten würden, hätte ich mit dem Vorfall keinerlei Bauchschmerzen. Auf Satire verzichten zu müssen, aber die Realsatire in den Ämtern zu belassen - das finde ich überhaupt nicht mehr in Ordnung. -
stillewasser
8. März 2010 um 15:51@Peleo Nachtrag:
Albrecht Müller von den NachDenkSeiten findet harte Worte über den Vorfall auf dem Nockherberg:
Nachlese zur Fastenpredigt: Das Verbot des Nazivergleichs schützt die neuen Faschisten. -
Peleo
8. März 2010 um 19:44@ stillewasser
Ich kann Albrecht Müller hier nicht zustimmen. Er müsste eigentlich von der Ungeheuerlichkeit von NS und KZ wissen.
Seit Jahren beobachte ich mit Sorge eine Inflationierung des Faschismus-Begriffes, leider auch bei A. M.Wenn man Westerwelle (zu Recht) verurteilt, wenn er von “Sozialismus” und der DDR phantasiert, darf man das nicht tun.
Wie will man Regimes wie das im Iran bezeichnen, wenn man bei uns schon “neue Faschisten” am Werk sieht? (Ich habe gerade mit einem Exil-Iraner gesprochen)
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stillewasser
9. März 2010 um 00:45@Peleo
Die Frage ist, ob man mit dem Faschismus-Vorwurf der Debatte insgesamt mehr schadet als nützt. Es ist klar, dass der Vorwurf als absurd abgetan wird.
Aber es geht um Satire und es geht um Vergleichrbarkeit. Aktuell gibt es einen verhängnisvollen Mix: Politikverdrossenheit, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und die teilweise hysterische Hetze der Marginalisierten, wie Hartz IV’ler und Ausländer. Und das alles nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise aber noch vor der Begleichung der Reperaturkosten zum Erhalt des maroden Systems.
Ein Blick zu den Nachbarländern, wie die Niederlande, Italien, Österreich oder die Schweiz zeigen, wohin sich Europa in der Krise entwickeln könnte.
Für mich sind die Parallelen leider zu schmerzlich. Daher muss Satire erlaubt sein, muss es angesprochen werden dürfen. -
Peleo
16. März 2010 um 19:19Vielleicht hast Du doch recht mit Deinen Befürchtungen und ich bin zu gutgläubig:
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stillewasser
16. März 2010 um 21:56@Peleo
Ich kenne die menschenverachtenden Thesen, die Heinsohn vertritt, schon länger. Propagandazentren wie PI News + Achse des Guten verbreiten sie äußerst effektiv. Sarrazin hat sie auch schon anklingen lassen, Sloterdijk verschwurbelte sie schon und ich denke auch, dass Hetzerwelle diese “Wahrheiten der schweigenden Mehrheit” gerne aussprechen würde. Kurz, das alles sind keine Zufälle. Diese These soll mit den Mitteln der Meinungsmache konsensfähig werden. Es soll weniger verteilt werden, dafür braucht man den guten alten Sündenbock.













