Sparen ist für den Arsch
Der Geiz ist nach der Psychoanalyse von Sigmund Freud auf den analen Charakter zurückzuführen. Wenn also der Bürger, der für die Schulden der Finanzzocker bezahlen soll, sich wie der letzte Arsch vorkommt, so lässt sich diese gefühlte These wissenschaftlich fundiert belegen.
Die Isländer, die dem sarrazinischen Ideal des Kaltduschers entsprechen, widersetzen sich gerade dieser um sich schlagenden Verarschung. Sie haben mit 95% gegen den Plan ihrer Regierung gestimmt, der die Rückzahlung der isländischen Schulden regeln sollte. Warum sollten auch die Isländer in Kollektivhaftung für die Fehler ihrer Bänker genommen werden? Weshalb sollten sie für den Leichtsinn der ausländischen Anleger haften, die bei ihren Zockerbanken Geld angelegt haben?
Nicht nur auf der kleinen isländischen Insel soll gespart werden, auch in Amerika und vor allem in Europa soll mit fiskalischer Askese die spätrömische Dekadenz beendet werden. Doch jetzt einfach so mit dem Sparen anzufangen ist ein schwerer Fehler. Das sagt zumindest kein geringerer als der Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz. Er sieht in der aktuellen Politik die große Gefahr, dass sie zu einer dauerhaften Stagnation führt.
Wenn das Auto kaputt ist und der KFZ-Mechaniker würde sagen: “Sparen sie etwas am Öl und vor allem am Benzin, dann funktioniert der Motor bald wieder”, dann würde man sich vollkommen zu recht nach einer besseren Werkstatt umsehen.
Die Grundlage unseres Finanzsystems ist das Kreditwesen. Ohne die ständige Neuaufnahme von Schulden brechen die Finanzströme zusammen. In einer Krise fangen die Privathaushalte das nicht-analfixierte Angstsparen an und zusätzlich würgt die Kreditklemme die Zahlungsströme der Unternehmen ab. Als einziger Schuldner bleibt nur noch der Staat, er muss einspringen und muss wie bisher aktiv Schulden machen. Zugegeben, es ist eine merkwürdige Logik, aber es ist eben die Logik des herrschenden Finanzsystems.
Die uns nun aufgedrängte “Sozialstaatsdebatte”, die im Kern ein absolut krankhaft konservativer Sparreflex ist, erhält ihre Bräune aus ihrer Analfixierung. Dieser alternativlose Weg führt zwangsläufig in eine unheilvolle Zukunft. Indem wir uns einschränken, berauben wir uns nämlich der Möglichkeit zum notwendigen Wachstum. Und ohne Wachstun schlittern unsere Wirtschaft und die Sozialsysteme ins Chaos.
Schulden können zur sinnvollen Investition werden, wenn sie nicht für nutzlose Kriege, sondern für die Zukunft genutzt werden, indem in die Bildung und die Infrastruktur investiert wird. Die “Kosten” für den Sozialstaat sind ohnehin nichts anderes als ein ständiges Konjunkturpaket, das letztendlich allen zugute kommt. Wir dürfen uns von den Herterwelles in unserer Regierung nicht in eine verhängnisvolle Abwärtsspirale reißen lassen! Nicht sparen, sonder im Gegenteil mehr Schulden, die sinnvoll investiert werden, sind das Gebot der Stunde!
Um im Bild des kaputten Motors der Wirtschaft zu bleiben. Statt hochwertigem Super hat die Finanzwirtschaft mit ihren Finanzderivaten der Wirtschaft billiges Diesel verabreicht. Die Bänker und die Politik haben sich erfolgreich gesträubt, den schlechten Treibstoff auszutauschen. Viel und hochwertiges Super-Benzin nachzuschießen, wäre die zweitbeste Möglichkeit, den Fehler zu korrigieren. Aber zu sagen, wir tanken erstmal nichts und schauen zu, wie der klebrige Diesel den Motor verstopft, ist die dümmste aller Reparaturmaßnahmen.
Hinweis: Diesen Artikel habe ich aus der Perspektive des l’etat c’est moi also aus der Sicht des Staates geschrieben. Dies soll daher nicht als Aufforderung verstanden werden, das eigene Bedürfnis des Sparens zu unterdrücken. Für den einzelnen mag sparen in der Krise sinnvoll sein, für den Staat ist es das nicht.
Lesenswerte Links zum Thema:
10. März 2010 von stillewasser |
Kategorie Finanzkrise Politik Sozialstaatsdebatte Wirtschaftskrise
Schlagworte Island Joseph E. Stiglitz
3 Antworten zu “Sparen ist für den Arsch”
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Peleo
10. März 2010 um 19:27Gut, dass die FTD (und stillewasser natürlich) Stiglitz zu Wort kommen lässt. In Berlin wird er wohl nicht gehört werden.
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Frank Benedikt
10. März 2010 um 20:05@ Peleo:
Leider wird Stiglitz auch anderen Orts (UN, USA) kaum gehört, obwohl er ja der gleichnamigen UN-Kommission vorsteht.
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stillewasser
11. März 2010 um 01:13@Peleo @Frank
Ich habe mir Luft verschaffen müssen, weil allerorts der Sparzwang als alternativloser Weg aus der eigntlich schon bereinigten Krise gepriesen wird. Das ist einfach falsch.Bei Telepolis habe ich noch einen lesenswerten Artikel gefunden, der gut meine Thesen stützt:
http://www.heise.de/tp/blogs/8/147225













