Neues aus dem Elitariat (9): die Elite am Boden
Böse Zungen behaupten, die Isländer hätten ihre Ramschpapiere im Schlot des Eyjafjallajökull entsorgt. Egal was im brodelnden Vulkan verbrannt wird, die Asche, die er kilometerweit in die Atmosphäre pustet und über ganz Europa verteilt, hat jedenfalls den ganzen Luftverkehr im Euroraum lahm gelegt.
Das hat für unser armes Elitariat grausame Auswirkungen: es muss auf dem Boden bleiben. Die Oberschicht kann nicht mehr wie gewohnt sorglos über den Dingen schweben, von oben aus dem Flieger herab auf die im anstrengungslosen Wohlstand dekadierte Masse schauen oder sich entspannt der Abgehobenheit in all seiner Arroganz hingeben. Stattdessen müssen unsere selbst ernannten Leistungsträger während der Vulkanstaub den elitären Himmel vernebelt auf dem kargen Boden des Prekariats eine äußerst unangenehme Zeit erleiden. Das gemeine, an seinem Wohnort harzgebundene Volk hingegen genießt die friedliche Stille über ihm:
Das Elitariat ist am Boden und das elitelose Volk fühlt sich wie im polnischen Himmel!
Immerhin lässt die erzwungene Bodenhaftung eine Beobachtung der Lebensweise dieses meist bürgerscheuen Menschenschlags zu. Die aschevernebelten Berichte der embedded Journaillie erlauben ungeahnte Einblicke in das alltägliche Leben des Elitariats außerhalb der üblichen Pressetermine. Diese investigativen Higlights des Qualitätsjournalismuses sind, das darf ohne Bedenken jetzt schon festgestellt werden, historische Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert.
In einer Mischung aus heimeliger Homestory und Kaffeefahrt mit der Kanzlerin, in deren Tross der Altherrenverein der Journaille mit fährt, wird einem der elitäre Alltag plastisch vor Augen geführt.
Und gleich zu Beginn des Artikel der Schock: entsetzt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass in der deutschen Airforce One im Flug über den Atlantik nicht verschworene Banden geknüpft, nicht die neusten Strategien ausgetüftelt werden und nicht der bilderbergische Welteroberungsplan minutös abgearbeitet wird, nein, es werden schnöde Hollywood-Schnulzen geschaut und die Stewardess kommt seltener in die Kabine als bei Ryan Air. Wahrlich, das sind spartanische Zustände im Vergleich zu einem spät römisch dekadenten Ballermannbomber.
Dann mussten die Damen und Herren der Lüfte nach der außerplanmäßigen Landung in Lissabon mit einem auf dem Boden fahrenden Bus ihre beschwerliche Reise fortsetzen. Zu allem Unglück ging dann noch die Luft raus, nicht aus Merkel - dort ist sie längst entwichen, sie hat bekanntlich den ersten vollständig abiotischen Regierungsstil entwickelt - auch nicht bei den hinterher reisenden Journalisten - sie brauchen jedes Sauerstoffmolekül für ihre aufgeblasenen Artikel -, sondern bei ihrem Untersatz: der Bus hatte eine Reifenpanne. Tja, das kommt davon, wenn man nicht auf Qualität achtet.
Irgendwann wird sich der Vulkanstaub legen und seien wir ehrlich, das Kanzlerin-Kaffeefahrt-Format lässt wenig Spielraum nach unten. Wenn das Elitariat wieder einmal am Boden ist, wird es daher - welch spektakuläre Idee - ein KanzlerInnen-Tausch in bewährter Dokumanier geben. Die Vorankündigung klingt doch recht viel versprechend:
“Zwei Frauen, zwei Kulturen. Die deutsche Kanzlerin tauscht ihr Volk mit einer afrikanischen Präsidentin. Wie werden die Völker ihre neuen Oberhäuptinnen aufnehmen?
Bei der Ankunft in Deutschland trifft die afrikanischen Regentin der Schlag! Ihr neues Volk ist total verzogen, statt fleißig für den Exportweltmeistertitel zu schuften, liegen alle faul herum wie die ganzen Neger in ihrer Heimat. Auch auf Reinlichkeit scheint ihre Tauschregentin offenbar nicht zu achten, sie hat ihr einen riesigen Saustall hinterlassen. Als erstes räumt afrikanische Präsidentin den total versifften Finanzmarkt auf.”
Na denn, freuen wir uns darauf, wenn das Elitariat das nächste Mal am Boden ist
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20. April 2010 von stillewasser |
Kategorie Elitariat Medienkritik Politik SZ Watch Satire
Schlagworte Angela Merkel Island Vulkan
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