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Der Tod der schwäbischen Hausfrau

trachtEs war Mord,  kaltblütig wurde er vor den Augen der Weltöffentlichkeit begangen. Das ahnungslose Opfer, die schwäbische Hausfrau, hatte nicht die geringste Spur einer Chance. Scheinheilig führte die Täterin die Hausfrau aus der schwäbischen Provinz auf das internationale Pakett, doch das war nichts anderes als eine hinterhältige Falle. Geduldig wartete die Mörderin auf den richtigen Zeitpunkt. Schließlich war es soweit: die Zustimmung von Frau Merkel zum aufgespannte Rettungsschirm für den Euro mit einem Volumen von über 720 Milliarden Euro war der gezielte Todesstoß: unsere harte Währung  nach guter alten schwäbischen Kleinbürgerart ist Geschichte.

kreuzWas ist die Ursache dieser spektakulären Tat? Was trieb die Mörderin an? Weshalb suchte sich die mächtigste Frau ein solch unbedeutendes Opfer aus? Bisher sind nur wenige Puzzleteile dieser mysteriösen Tat ans Tageslicht gelangt, doch sie lassen die ganze Tragödie zumindest bruchstückhaft erahnen. Bereits früh hatte das Opfer Kontakt zur ihrer Mörderin und zu dessen dubiosen Umfeld, dem neoliberalen Altherrenbund der Monetaristen.
Es folgte eine lange und grausame Leidenszeit, die trotz der medialen Präsenz des Opfer bisher im Schatten verborgen lag. Die schwäbische Hausfrau wurde von ihren neoliberalen Herren wie eine Sklavin gehalten, selbst ihren schwäbischen Pass musste sie ihren Peinigern aushändigen. Sie diente diesen skrupellosen Männern als williges Spielzeug für ihre schmutzigen Phantasien. Feierten die Besitzer des großen Geldes den Geburtstag der Chefmutti, dann musste unsere Dienerin brav zu hause bei Kinder, Küche, Kirche bleiben. Gönnten sich unsere selbsternannten Leistungsträger wieder einmal einen dekadenten Schluck aus der hochprozentigen Subventionspulle, durfte sich unsere sparsame Hartz-Hausfrau ihr Leitungswasser mit einem Schuss saurer Zitrone  versüßen.
Trotz dieser jahrzehntelangen Leidensphase klagte die Frau nicht, ihren ausgedörrten, malträtierten Körper verbarg sie unter ihrer  Tracht vor den Blicken der Familie, den Freunden und der Öffentlichkeit. Niemand ahnte etwas von dem Drama, das sich vor unser aller Augen abspielte.
Ihr Tod war letztendlich ein gnadenvolles Ende ihres Martyriums.

moneyIhre grausamen Folterknechte, die wohl ungeschoren davon kommen werden, huldigen immer noch ihrem perversen Sektenkult und solange sie diesem unheilvollen Glauben nicht abschwören, werden sie weiterhin auf der Suche nach neuen Opfern für ihre grausamen Rituale sein. Die Sektenanhänger sind an ihrem Heulen und ihren moralischen Ermahnungen, mit denen sie um ihre Aufmerksamkeit betteln, leicht zu erkennen. Es ist leider zu befürchten, dass wir noch längere Zeit diese unbelehrbaren Neoliberalen erdulden müssen. Ihr moralinsauren Predigten im Stile von “wir leben über unsere Verhältnisse” werden uns weiterhin durch die ebenfalls infizierte Presse ins Hirn geprügelt.  Sie werden an ihrem Götzenglauben des freien Marktes verbissen bis zum bitteren Ende festhalten und sie schrecken selbst nicht davor zurück, ihre sadistische Neigung an unseren Kindern auszuleben. Ihre Erlösungsvision einer “Blut-, Schweiß- und Tränen-Sparrosskur mit garantierter sozialer Unruhe” ist jedoch durch die jüngsten Ereignisse in weite Ferne gerückt.

euEs war ein guter Tod, das Ende der Glorifizierung eines konventionellen Frauenbildes hat uns vor großem Unheil bewahrt. Es ist nun mal so, dass eine schwäbische Hausfrau keine europäische Währungsunion managen kann. Ihre altbackene Überzeugung einer asketischen Haushaltsführung reicht zum überleben einer Familie, aber als Leitbild für das Zusammenleben unterschiedlicher Nationen mit vollkommen verschiedenen historischen und kulturellen Kontexten ist es schlicht untauglich. Es ist richtig, dass dieses schlichte Weltbild noch die Grundlage der Maastricht-Kriterien bildet, welche die bisherige Architektur des Euros festlegten, und diese Schlichtheit prägt ebenso das Grundgerüst der EZB.
Der europäische Rettungschirm leitet jedoch eine Wende um 180 Grad ein, die mehr als überfällig war. Die Währungsunion wandelt sich zu einem Solidarpakt. Erst Tod der bisherige Hüterin des Euro, die schwäbische Hausfrau, ermöglichte diesen epochalen Schritt.  Und er war überfällig, denn der Kollaps unser  Gemeinschaftswährung drohte. Der Flächenbrand hatte nicht nur die PIIGS-Staaten wie Griechenland oder Island ergriffen, sondern längst den Kern Europas erfasst: selbst Frankreich Staatsanleihen begannen zu trudeln. Das Ende des Euros stand kurz bevor und es wäre ein hässliches Ende geworden.

nopePolitische Sünden bleiben meist ungesühnt, so auch dieser Mord an der schwäbischen Hausfrau. Nein, es ist sogar so, dass ich die Mörderin für ihre Tat ausdrücklich loben muss. Es war ein Grenzübertritt zur rechten Zeit. Unsere Kanzlerin warf ihre Überzeugungen über Bord und gab dem Drängen nahezu aller anderen europäischer Staaten nach. Frau Merkel hat sowohl die uckermärkische als auch die schwäbische Provinz hinter sich gelassen und sich über Nacht in eine moderne Europäerin verwandelt.  War sie als “Madame No“, die Totengräberin des Euros, gefürchtet, steigt sie nun - allerdings mit einem deutlichen Gesichtsverlust - zu einer europäischen Teamspielerin auf.
Möge sie ihre neue Rolle lange behalten, denn sie hat Europa in der Krise die dringend benötigte Luft verschafft, um einen friedlichen Weg durch dieses unglaubliche und stetig wachsende Chaos zu finden. Ob diese, einer der letzten Chancen, auch wirklich genutzt wird oder wie lange der Aufschub sein wird - das sind die Fragen, die über unsere Zukunft entscheiden.

Lesenswerte Links zum Thema:

[update] Die Alphatiere des Altherrenrudels der Monetaristen jaulen schon auf: der Oberpyromane Ackermann sieht wieder eine Kernschmelze - klar, das Finanzsystem erinnert an globalisiert erwärmte Gletscher: nach der Schmelze ist vor der Schmelze. Und was wären wir ohne unseren Megaexperten Sinn, er sieht ein unkalkulierbares Abenteuer. Das ist sicherlich richtig, aber was war denn bitteschön die Bankenrettung? Peanuts aus der Portokasse?
Mein Tipp lautet daher: je lauter diese Alarmsirenen heulen, desto sicherer sind wir auf einem guten Weg.  [/update]


13. Mai 2010 von stillewasser | Kategorie EU Neoliberalismuskritik Politik Satire
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1 Antwort zu “Der Tod der schwäbischen Hausfrau”

  1. » Der Tod der schwäbischen Hausfrau binsenbrenner.de
    25. Juni 2010 um 12:10

    [...] Von Marc Schanz [...]

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