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Zeitloser Greisengeist

koehlerEinen alten Geist möchte ich unseren Bundespräsidenten wirklich nicht nennen, obwohl sein seltenes und scheues Auftreten etwas spukhaftes an sich hat. Öffentlich für alle sichtbar weilt er noch unter uns und dennoch: er und sein Volk kommen sich, trotz einer zweiten Chance, einfach nicht näher. Aus seiner Verzweiflung sucht der oberste Mann im Staate sein Heil bei alten Geistern.

Seit langem gibt es für diesen schrecklichen Verdacht eindeutige Belege. Als er aus der Ferne vom Schloss Bellevue zur Einführung des neuen Gerichtspräsidenten nach Karlsruhe reiste, bekundete er seine Sorgen über die zunehmenden Verstöße gegen das Grundgesetz. Im Gegensatz zum Volk, das für diesen Missstand eindeutig die Politik verantwortlich macht, beschwört der Bundespräsident lieber alte Geister. Diese flüstern ihm die genial einfache Lösung zu: die Leute müssen damit aufhören beim Verfassungsgericht zu klagen!
Es ist das alte Herrschaftsdenken, das sich der Bundespräsident zu eigen macht: wenn unsere Rechte auf dem Papier stehen, reicht das völlig aus. Sie auch tatsächlich juristisch einzufordern, geht jedoch genau einen entscheidenden Schritt zu weit.

Wie weit unser Präsident schon vom Boden des Grundgesetzes abgehoben hat, zeigt sein Verständnis für den Einsatz der Bundeswehr. Während  eines Radiointerviews offenbarte er, dass unser Militär nicht nur für die Verteidigung des Vaterlands hier und am Hindukusch da ist:

Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler ‘freie Handelswege’. Es gelte, Zitat ‘ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen’ und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkten.

Quelle: Interview im Deutschlandradio, in der Zwischenzeit wurde diese Passage gekürzt.

militaerkoehlerDa ist es wieder deutlich zu hören: das Rasseln alter Panzerketten, der dumpfe Geschützdonner und das Wehklagen verstorbener Soldatenseelen. Die alten Zeiten sollen wieder Auferstehen, die alten Großmachtgelüste Deutschlands. Wenn unsere Kolonien ihre Rohstoffe nicht freiwillig herausgeben, müssen wir sie uns holen. Wer kann sich dieser imperialistischen Logik verschließen?

Ach, das ist doch bestimmt nur einer der üblichen verbalen  Ausrutscher unseres Präsidenten. Wer das glaubt, der irrt. Köhler hat seinen Text aus dem Drehbuch für das Wiedererstarken Deutschlands nur etwas zu früh ausgeplaudert. Viele wissen es noch nicht, aber das Drehbuch ist längst geschrieben. Es nennt sich das Weißbuch der Bundeswehr, dort wird die Sicherung der Handelswege als Ziel für die Bundeswehr explizit genannt.

Übrigens, der angestaubte Schinken wird gerade vor unseren Augen in Überlänge verfilmt. Eine kleine, aber wichtige Statistenrolle in diesem Epos hat Rudolf Scharping inne. Als er im Jahr 2002 noch vor seinem Badeurlaub Verteidigungsminister war, hielt er eine bedeutende Rede, welche in analytischer Schlichtheit das Drama ankündigte: “In 25 Jahren ist das Gas in der Nordsee alle, aber in der Region um Afghanistan und im Kaukasus ist alles vorhanden. Und ob dort regionale Sicherheit entsteht, ist im Interesse aller, die in der Zukunft aus der Region Energie beziehen wollen”.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Vorbereitungen, um die gewaltigen Kulissen für das Filmepos aufzubauen, in vollem Gange. Die realitätsnahen Kostüme für unsere  High-Tech Armee wurden ohne Rücksicht auf die Kosten besorgt und für unsere eindrucksvolle Seestreitmacht wurden extra für die bereitstehende Piratenkulisse neue Schiffe angeschafft.

Die kürzliche Afghanistanreise unseres Präsidenten diente zur Begutachtung des großartigen Filmset am Hindukusch. Einen besonderen Eindruck hinterließen bei ihm die amerikanischen Profidarsteller, die zumindest nach der fachkenntlichen Meinung Köhlers wesentlich besser sind als die deutschen.

isafDie Dreharbeiten werden im nächsten Jahr abgeschlossen sein, das Happy-End für den Afghanistaneinsatz muss langsam vorbereitet werden. Das wird nicht ganz einfach, aber ein paar Special Effects, eine Besetzung mit B-Promis, ein Horde glücklich lachender Kinder und  burkafreie Frauen müssen ausreichen. Wenn das rührselige Ende des Militäreinsatzes jedes Jahr im Weihnachtsfernsehen wiederholt wird, dann wird auch das Volk mit Afghanistan seinen Frieden schließen und mit ein paar Spendengroschen zu Heiligabend sein Gewissen beruhigen.

Eines ist jetzt jedoch schon sicher, der Krieg am Hindukusch wird für Deutschland ein epochaler Meilenstein zurück auf die Weltbühne sein. Das war das erklärte Ziel der Afghanistaninszenierung und es wurde grandios verwirklicht. Im kollektiven  Kriegsgedächtnis wird dieser Einsatz seinen würdigen Platz erhalten.
Bald warten weitaus größere Ziele auf unsere Armee. Auf diesen Umstand weist uns unser “Verteidigungs-”minister Guttenberg ausdrücklich hin, als er am Grab toter Soldaten verkündete: “Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden, und sie werden es auch in den nächsten Jahren sein - wohl nicht nur in Afghanistan”.
Das Ziel des alten Geistes, dass wir Deutsche den Krieg als unser nationales Interesse zu begreifen, ist zum Greifen nah. Bald wird wieder jeder Deutsche von dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit und Unbesiegbarkeit beseelt sein. Wo wir sind, ist der Endsieg nahe!

kreuzSchauen wir die Pläne des alten Geistes etwas genauer an. Das hilft erheblich dabei, unsere alternativlose Zukunft besser zu verstehen. Wir brauchen wieder Krieg, weil uns unsere Eliten einen drakonischen Sparkurs in die spät griechisch-römische Dekadenz verordnen. In Zukunft werden wir - haben wir uns erst einmal erfolgreich dem Niveau eines Drittweltlandes angenähert - nicht mehr in der Lage sein, um die Rohstoffe wirtschaftlich zu konkurrieren. Der einzige Weg, der uns dann letztendlich verbleibt, ist die nackte, militärische Gewalt. Wir müssen wieder alternativlos Töten und Sterben, damit unser bis dahin nicht mehr existente Wohlstand in einem Maße erhalten wird, den unsere Eliten zufrieden stellt.

Machen wir uns auf den Weg zurück in die Vergangenheit - wir haben ja keine andere Wahl.

[update] Darauf singen wir erst mal alle zusammen unsere schöne Nationalhymne:

[/update]

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25. Mai 2010 von stillewasser | Kategorie Krieg Politik Satire
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5 Antworten zu “Zeitloser Greisengeist”

  1. H.
    25. Mai 2010 um 12:37

    Das Interview ist im DLF Audio gekürzt ohne die “heissen” Äußerungen, die aufzeigen was “wir” wirklch wollen (4:49min).
    Der Text im Link ist aus dieser Version, die über DLF ausgestrahlt wurde .
    Über Deutschlandradio Kultur ist eine ungekürzte (unbearbeitete) Version zu hören (5:11min). Interessant wird es hier ab 3:20min.

  2. stillewasser
    25. Mai 2010 um 13:08

    @H
    Danke für den Hinweis. Ich habe inzwischen auch bei Tastendrescher ein komplettes Transkript gefunden:
    http://joese.de/blog/2010/05/23/pressestelle-oder-journalismus/

  3. Guardian of the Blind
    25. Mai 2010 um 14:27

    Der bewaffnete Handelsreisende…

    Von Frank Benedikt Nun hat er es also selbst ausgesprochen: „Deutschland [müsse] mit seiner Außen-handelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen.“ Er, das ist Horst Köhler, seines Zeichens da…

  4. H.
    25. Mai 2010 um 15:38

    Was mich stört ist, dass die harmlose Variante mehr Zuhörer erreicht… DLF ca 1,5Mio zu DRK 400k
    Vonwegen unabhängig informiert und so

  5. Laevus Dexter
    25. Mai 2010 um 16:16

    Hallo liebe Leute,

    ich habe eine Strafanzeige gegen unseren Bundeshorst erstellt und erstattet.

    Lesbar und als PDF-Download unter http://bundeshorst.wordpress.com

    Bitte weitergeben. Danke :-)

    Laevus Dexter

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