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Hofberichtblogging (16): Der große Wurf

bellevueEs ist vollbracht. Die Staatskrise, welche der überhastete Rücktritt Köhlers auslöste, konnte trotz der enormen Zeitdruck in ungeahnter Schnelligkeit beigelegt werden. Das gewohnte Eiern während des komplizierten Auswahlverfahrens bestand wie immer nur aus faulen Kompromissen. Der auserkorene Nachfolge des fahnenflüchtigen Köhlers steht nun fest, es ist Christian Wulff .

Schade, ich hatte mich schon auf den genialen Schachzug Merkels gefreut. Die Supernanni Uschi hätte den Köhlerschen Kindergarten aufgeräumt und das dekadente Leben am Hofe Bellevues binnen 24 Stunden beendet. Leider besagt eines der Merkelschen Gebote: Über unserer Mutti darf es keine weiteren Muttis geben! Das war das aus für eine Leymutter als Bundespräsidentin. Dennoch plädiere ich weiterhin für eine pädagogisch sinnvolle Wuttreppe im Schloss Bellevue.  Der nächste weinerliche Auftritt eines Präsidenten endet dann nicht mehr auf einer schlecht inszenierten Pressekonferenz, sondern schmollend auf der Treppe.

Meine stille Hoffnung war ja,  Mrs Merkel herself hätte sich Kraft ihrer Selbstüberschätzung selbst zur Bundespräsidentin gekrönt. Das wäre wahrlich ein richtig großer Wurf gewesen! Durch diese Selbstentmachtung hätte sie dem Land ihren größten Dienst erwiesen. Gut, jetzt wird der amtierende Landesvater von Niedersachsen, Christian Wulff, unser zukünftiger Bundespräsident. Bald wird er von Hannover nach Berlin umziehen. Die Entfernung ist kein Katzensprung, aber eben auch nicht der große Wurf. Wir müssen uns weiterhin mit kleinkariertem Postengeschachere und visionsloser Politik begnügen.

Ein Beispiel? In der heutigen Pressekonferenz verkündete Wulff die neue Maxime des alten Geistes im Schloss Bellevue:

„Ich freue mich auf die Aufgabe. Ich denke, man kann die Menschen zusammenführen, etwas für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft tun.”

Ich weiß nicht, aber in meinen Ohren hört sich das etwas anders an. Wir durften schon mehrmals lernen: mit Menschen sind nicht alle gemeint und mit Gesellschaft nur die bessere. Übersetzt man diese harmlose politische Botschaft in für das Volk verständliche Worte, erhält man folgendes überraschendes Ergebnis:

“Herr Ackermann, ihre nächste Geburtstagsparty wird verlegt: ins Schloss Bellevue!”

Die Würde geht, wichtige Fragen bleiben

Der fehlende Respekt, dem Herrn Köhler und seinen kritischen Äußerungen entgegen gebracht wurde, vertrieb ihn und die Würde des Amtes des Bundespräsidenten. Die Antwort, wie diese leidvolle Lücke gefüllt werden kann, ohne dass das merkelsche Machtmobile aus den Fugen gerät, wurde zur zügig und zur Zufriedenheit der Politikelite gelöst. Alle anderen Fragen haben sich  aus der Sicht der Strippenzieher somit erledigt.
Nur ein paar kritische Blogger bleiben ratlos zurück. Einiges bleibt unklar, vieles unverständlich. Warum wurde zum Beispiel die kritische Passage, die letztlich zu seinem Rücktritt führte,  im Interview von den Qualitäts?medien zensiert? Wie Feynsinn richtig anmerkt, zeugt ein solches Vorgehen nicht gerade von einer journalistischen Glanzleistung:

Senden die auch Reportagen über Fußballspiele, in denen die Tore nicht erwähnt werden? Und wer dann nach Erklärungen sucht, ist VT?

Im Grunde war es jedoch  nur ein fieser Trick der Journalisten. Erst das Herausschneiden hat das Thema bei den VT’lern in der  Blogospähre erst so richtig brodeln lassen. Mit einem kleinen Aufwand einen großen Effekt wie eine kurzweilige Staatskrise auszulösen, das ist schon hohe Kunst. Und die Mainstreammedien könne sich jetzt wie die Unschuldslämmer gerieren und sagen: das waren nicht wir, die Blogger waren es!

In dem ganzen Trubel ist eine Frage fast vollständig unter gegangen: Ja was ist denn nun mit der Bundeswehr und den Wirtschaftsskriegen? Sollen sie zu unserem pekuniären Wohl und dem Leid anderer dienen? Weshalb nicht, meint zumindest die Sicherheitspolitische Sprecherin Frau Hoff von der FDP und versteht die Worte Köhlers “auch als Appell, die hierzulande etwas hausbackene Debatte über Sicherheitspolitik zu weiten.”

Und eine weitere Frage ist auch, ob das was Köhler sagte auch wirklich so im Weißbuch der Bundeswehr steht. Dem ist nicht ganz so. Es könnte eine interessante Diskussion wie bei “Beim Wort genommen” werden, aber die Medien bewerten die Qualität einer unwürdigen Kandidatenauswahl höher als die von grundrechtsrelevanten Fragen. Besser wir führen zweifelhafte Kriege als klärende Debatten, so lautet das Motto.

Und was macht Herr Köhler jetzt?

Wird Herr Köhler neben Roland Koch auf der Arge-Sünderbank Platz nehmen und Hartz IV beantragen? Nein, ein Mann mit einer solch ausgewiesenen Wirtschaftskompetenz und dem direkten Draht zu politischen Entscheidern der gründet - ja, genau - eine Beratungsfirma.
Der Start dieses Überraschungscoups von Köhler war furios! Bereits am nächsten Tag war die nicht ganz ernst gemeinte Seite im Netz, doch trotz ihrer Beliebtheit verschwand sie wieder aus Google.

Satire ist weder etwas für einen Ex-Bundespräsidenten, noch für Google, wie die geliebte Bundesregierung bereits erfahren durfte. Aber heutzutage ist Satire keine Kritik mehr, sondern die Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse.

Wie geht es weiter?

Natürlich geht es weiter-so wie immer. Die Puppen tanzen und ab und zu wird der eine oder andere Kasper ausgetauscht. Der Politikbetrieb ist zu einem Schauspiel verkommen, dessen Oberflächlichkeit seine Sinnentleertheit überdecken muss. Wer anderes erwartet, der wartet vergebens.

Könnte irgendwann der  große Wurf gelingen? Nicht heute und nicht morgen,  solange macht der Wulff halt den Bundespräsident.


4. Juni 2010 von stillewasser | Kategorie Hofberichtblogging Politik Satire
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6 Antworten zu “Hofberichtblogging (16): Der große Wurf”

  1. ZeitGenossin
    4. Juni 2010 um 22:14

    @Merkel, die Lümmelin

    SidL - so ist das Leben.

    Und die ganzdeutsche Spitzenpolitik erstrecht.

    Aus USCHILUSCHI wurde Dank LEITWULFF dann´n WULFF IM SCHAFSPELZ.

    Ende des LEYENSPIELS.

    Der CDU-Parteisoldat aus Oldenburg in Oldenburg soll ab Juli 2010 den präsidialen Weltmann geben.

    Außer Spesen nix gewesen.

    Auch dies ist nüchtern ebenso wenig zu ertragen wie besoffen …

  2. stillewasser
    4. Juni 2010 um 22:31

    @ZeitGenossin

    Hätten die Veranstalter der Schmierenkomödie wenigstens den Anstand, dem zuschauenden Volk als Entschädigung ein paar Runden Freibier zu spendieren, wäre der Schmerz zumindest etwas betäubt ;-)

  3. Guardian of the Blind
    5. Juni 2010 um 15:29

    Zu der Kähler-Seite gibt es erstaunliche (und ich finde recht beunruhigende) neue Entwicklungen: http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/wie-die-horst-koehler-satire-verschwand/

  4. stillewasser
    5. Juni 2010 um 22:41

    @Markus
    Danke für den Link!

    An der Satirefront sind selbst leichte seismische Erschütterungen frühzeitig spürbar. Wenn es mächtig kriselt, dann hört der Spass auf - so denken jedenfalls die Machthaber.
    Es ist beunruhigend und leider nicht der einzige Vorfall. Denn Spass sollte man sich dennoch nicht verderben lassen.

  5. Oliver Mark
    7. Juni 2010 um 15:06

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22686/1.html

    Die Sicherung der Handelswege ist kein Thema von 2006, sondern von 1992. Lasst Euch doch nicht ablenken!

    http://olivermark.de/blog/archives/642

  6. nachrichten
    15. Juli 2010 um 20:12

    Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

    Gruss
    Andres

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