Wer hat Angst vor der schwäbischen Hausfrau?
Es ist schon eine lustige Geschichte. Wir versuchen das finanzpolitische Provinzmodel der schwäbische Hausfrau nach Spanien und den anderen südeuropäischen Ländern zu exportieren, während unser großes Vorbild, die USA, eine panische Angst gegen diese kleinbürgerliche Strategie entwickelt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman formuliert seine Abneigung mit deutlichen Worten und fordert ein hartes Vorgehen gegen unsere Besessenheit des Sparens:
And it’s also important to send a message to the Germans: we are not going to let them export the consequences of their obsession with austerity.
Nicely, nicely isn’t working. Time to get tough.
Woher kommt diese Angst? Unsere Kanzlerin beim Spätzlebacken am heimischen Herd wirkt doch alles andere als bedrohlich! Wieso werden namhafte Finanzexperten überm Teich so nervös? Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichtsbücher. Das Kapitel über den Reichskanzler Brüning zeigt, wenn Deutsche sparen ist das nicht immer zum Wohle der Welt:
Brüning betrieb in insgesamt vier großen Notverordnungen eine einschneidende Spar- und Deflationspolitik: Er erhob neue Steuern bei gleichzeitiger Senkung staatlicher Leistungen und er wirkte auf eine Absenkung von Löhnen und Gehältern hin. Damit hoffte er, den deutschen Export zu erhöhen, doch weil Deutschlands Handelspartner eine ähnliche Politik betrieben und zudem ihre Zölle erhöhten, musste diese prozyklische Politik scheitern; sie verschärfte letztlich nur die Wirtschaftskrise in Deutschland.
An diesem Beispiel sieht man sehr schön: unser Exportwahn, gewürzt mit einer kräftigen Brise Sparzwang, ist weder ein neues noch eine besonders erfolgreiches deutsches Rezept. In anderen Worten bzw. wieder in Worten Paul Krugmans: That ’30s Feeling.
Wenn jemand einseitig auf den Export setzt, müssen sich andere Länder entsprechend verschulden. Immer weniger können und wollen das und der um sich greifende Sparrausch verstärkt diesen Effekt nur. Sollten die Ungleichgewichte weiterhin bestehen bleiben, könnte Krugmans Drohung wahr werden und der bisher erfolgreich verhinderte Protektionismuswettlauf könnte doch noch einsetzen. In diesem Fall hätte Deutschland diesen Wirtschaftskrieg wieder einmal mit einer präventiven Selbstimplosion eröffnet.
Im Grunde ist unser Exportwahn wie das “Wunderheilmittel” eines Quacksalbers. Statt der erhofften wirksamen Medizin verabreicht der angebliche Arzt dem Hilfe suchenden Kranken nichts anderes als pures Gift. Nach einer Weile geht es dem Patienten - welch Wunder - noch schlechter als vorher. Der Arzt hat jedoch die passende Antwort: “Die Dosis ist zu gering! Wenn wir sie verdoppeln, dann werden sie sehen, es geht ihnen bald wieder besser!”
Dieser Irrsinn funktioniert, weil alle glauben, unsere Talkshow-Ökonomen wären richtige Ärzte und hätten die richtigen Rezepte für die Weltwirtschaftskrise.
Ein richtiges Heilmittel wäre eine Stärkung unseres Binnenmarktes über höhere Löhne und höhere Sozialausgaben, der unsere Exportüberschüsse reduziert. Für Amerika und die südeuropäischen Länder wäre dies ein Segen, doch dieser Ausweg aus der Krise ist uns alternativlos durch eine Altersstarrsinnbarriere verbaut.
Natürlich leben wir über unsere Verhältnisse, keine Frage. Unser Lebensstil basiert auf einer unverantwortlichen Ressourcenverschwendung mit katastrophalen Folgen für unsere Umwelt - aber das hat rein gar nichts mit dem Finanzsystem zu tun! Echt? Ja, klar! Wenn ich 50.000 € auf dem Konto habe oder nicht habe, wird die Welt nicht besser oder schlechter. Gönne ich mir von meinem Reichtum einen fetten Geländewagen und verpeste mit unsinnigen Spritztouren die Luft, dann hat das negative Konsequenzen für die Umwelt. Investiere ich das Geld in eine Solaranlage und fahre in Zukunft nur mit dem öffentlichen Nahverkehr und dem Fahrrad, dann hilft das Geld, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Das Geld- bzw. Finanzsystem an sich ist neutral. Ich kann sinnlose Kriege wie den in Afghanistan finanzieren oder in eine Bildungspolitik investieren, die den Namen auch verdient. Es geht also darum, was ich mit dem Geld mache.
Die Strategie der schwäbischen Hausfrau jedoch ist einfach nur krank und pervers. Wir geben große Teile unseres Wohlstands, den wir uns hart erarbeitet haben ohne wirkliche Not und ohne Sinn auf. Ganze Bevölkerungsgruppen aus dem Finanzsystem aus grenzen zu wollen, ist ökonomischer Wahnsinn, es führt nur zu negativen Effekten und zwar für alle: Deflation, Schrumpfung, Verarmung und sozialen Spannungen. Ok, wir können so unseren Trieb zur Selbstgeiselung ausleben, uns einschränken und rassistische Feindbilder aufbauen. Aber warum machen wir das nochmal? Muss das wirklich sein?
Die Konsequenz dieser konservativen Kasteiung sind absehbar, sie führt zu einer Erhöhung der Schmerzdosis. Paradiesische Zeiten für Hardcore-Masochisten stehen usn bevor. Paradoxerweise hat es noch zur Folge, dass die Reichen in unserem Lande noch reicher werden und somit noch mehr prassen können. An der Ausbeutung der Ressourcen unser Welt wird sich hingegen wenig ändern, sie werden nur ungleicher verteilt werden.
Immer wieder ist zu hören, dass wir für die Zukunft sparen sollen. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Niemand kann vorhersagen, wie das Finanzsystem in ein oder zwei Jahren aussieht. Die Krise hat offenbart, dass von Bankenpleiten über Staatsbankrott selbst innerhalb der Euro Zone bis zum Zerfall von Währungen wie der Euro jedes Horrorszenario möglich ist. Mühsam angesparte Guthaben können sich so über Nacht in Nichts auflösen. Wird hingegen um verteilt und in unser Land und Leute investiert, dann wird zwar weniger gespart, aber unser aller Wohlstand vermehrt. Eigentlich sollte sich die Frage erübrigen, welcher dieser beiden Wege der bessere wäre.
Die bevorstehenden Herausforderungen, wie die Verringerung der Ölabhängigkeit, demographischer Wandel und den Sprung in die Informationsgesellschaft können wir nur meistern, wenn wir mutig investieren. Dieser Weg ist uns durch das unsinnige Dogma des Sparens verbaut. Statt dessen werden wir langsam aber sicher zu einem Altersheim vergreisen, das in einem beschaulichen Technikmuseum an alte Zeiten erinnern darf.
18. Juni 2010 von stillewasser |
Kategorie Finanzkrise Neoliberalismuskritik Politik Wirtschaftskrise
Schlagworte Export Exportwahn Paul Krugman
2 Antworten zu “Wer hat Angst vor der schwäbischen Hausfrau?”
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bl
19. Juni 2010 um 07:31Sparen ist immer Mangeldenken und die Fokussierung auf Mangel kann nur eines bewirken: Noch mehr Mangel!
Was man allerdings hätte vermeiden können, waren die Milliardengeschenke an die Banken, die Kriegsausgaben für einen inhumanen Krieg, Geschenke von UBooten an ein kriegstreibende Land…
Das ist nicht “sparen”, sondern hätte einen sinnvolleren Einsatz der Ressourcen sein können. Aber wahrscheinlich ist das Szenario, so wie es jetzt ist, beabsichtigt, um fast alle Menschen zugunsten einer “Elite” zu verarmen.
Aber man muss es ja nicht geschehen lassen!
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stillewasser
19. Juni 2010 um 23:30@bl
Ja, das sehe ich genauso. Das Sparen ist nur ein Ausdruck der geistigen Armut unserer Eliten. Und sie wollen uns daran teilnehmen lassen
Leider ist die Strategie erfolgreich, weil zu viele gerne die vorgesetzten “Wahrheiten” wiederkäuen als selbst ihr Denkorgan anzustrengen.
Natürlich ist das Szenario beabsichtigt, die Krisenkosten sind noch nicht bezahlt. Die jetzige Regierung mit ihrer christlichen Leitkultur lässt natürlich die Armen und Schwachen zahlen - das steht so in der Bibel, glaube ich.













