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unabhängig - medienkritisch - mit Spuren von Satire

Wir haben einen neuen Bundespräsidenten - und alle so: Yeaaahh

bellevueSeitdem Hotte sich aus dem Staub machte, ist Schloss Bellevue verwaist. Der “Quer-”einsteiger hatte gegen die oberste Politikerregel verstoßen: sage niemals die Wahrheit!
Heute war nun der Tag der Entscheidung, sein Nachfolger musste gewählt werden. Die Wahl auf einem WM-freien Tag zu legen, war - das muss man offen zugestehen - eine taktische Meisterleistung unserer Mutti. Eine bessere Lehrstunde, um dem dummen Volk den Unterschied zwischen Politik und Fußball zu vermittelt, kann es nicht geben.

Fußball, das ist die zweit schönste Nebensache der Welt, das ist schweißtreibender Wettkampf mit robusten Körpereinsatz, der mit fairen Regeln auf dem Platz ausgetragen wird. Am Ende gewinnt der Bessere.
Und Politik? Eine demokratische Auseinandersetzungen auf freiheitlicher Grundordnung basierend findet nicht mehr statt. Die entscheidenden Strippen werden hinter verschlossenen Türen gezogen, während vor den Kameras der Öffentlichkeit Profilsüchtige eine Nebelkerze nach der anderen zünden dürfen. Und am Ende gewinnt immer der kleinste gemeinsame Nenner.

Wie ist das Match zwischen Goliath Wulff und David Gauck verlaufen? Zuerst die positive Nachricht: die Schiedsrichterleistung des Präsidenten des Bundestages, Herr Lammert, war vorbildlich, er war eindeutig der beste Mann auf dem Platz.
Die Mannschaftsaufstellung der schwarz-gelben Regierung offenbarte jedoch erhebliche Schwächen. Vor allem der Sturm enttäuschte, der entscheidende Treffer wollte einfach nicht fallen. Kein Wunder also, dass die Partie in die Verlängerung gehen musste und erst das Elfmeterschießen die Entscheidung brachte. Es hätte spannend sein können, aber die Entscheidung stand ohnehin schon fest, einzig die Länge der Nachspielzeit stand noch nicht fest. Wer sich nicht selbst in einen Selbstschutzsekundenschlaf versetzen konnte, musste die bemühten Überbrückungsversuche über sich ergehen lassen.
Eine erstaunliche Erkenntnis erbrachte dieser Abend dennoch: es gibt etwas langweiligeres als Fußballerinterviews. Wenn Politiker in den langen Wahlpausen interviewt werden, dann fragt man sich: ist das noch das Original oder schon die Zeitlupe?
Ein Kommentar stach aus dem Politikeinerlei hervor und blieb in meinem Gedächtnis haften: Lothar Matthäus höchstpersönlich sprach in die Mikrophone den legendären Satz: “Zuerst hatten wir in den ersten beiden Wahlgängen kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu!” - es kann aber auch gut sein, dass ich das nach ein paar Frustbieren nur halluziniert habe.

Wulff wird ein würdiger Bundespräsident werden, dafür sorgen schon die Medien. Sitzfleisch hat er auch, so schnell wird Schloss Bellevue nicht mehr verwaist sein und eine erneute Bundespräsidentenwahltortur bleibt uns erspart.
Mir ging dieses inszenierte Spektakel, in dem zwar einige Knoten in den Strippen der Macht sichtbar wurden, jedoch der ganze Zirkus ansonsten wie gewohnt funktionierte, nur auf den Keks. Diese Veranstaltung hatte nichts, rein gar nichts mit einer anständigen und freien Wahl zu tun.
Der Bundespräsident der Herzen ist und bleibt für mich Georg Schramm. Mein persönliches Fazit lautet daher:

Mr. Wulff, you are not my president


30. Juni 2010 von stillewasser | Kategorie Medienkritik Politik Satire
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