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Das grausame Sterben der Loveparade

Die Loveparade Tragödie lässt mich nicht los und das, obwohl ich nicht betroffen bin. Ich kann es nicht genau sagen, warum. Vielleicht ist der Grund, dass ich diesmal etwas ernsthafter über einen Besuch der Loveparade nachdachte. Vielleicht ist es schlicht auch deshalb, weil ich dieses Gefühl in der Masse kenne: wenn die Leute plötzlich anfangen zu drücken, es immer enger wird, keinen Platz mehr da ist, um sich zu bewegen, und man wird in irgendeine Richtung gedrängt und wird völlig macht- und hilflos zum Spielball der Masse. Kommt zu schlechter Luft noch Hitze und Dunkelheit hinzu, dann ist sie schnell da, diese Angst.
Die Katastrophe ist so schrecklich nachvollziehbar.

Es gibt, glaube ich, noch einen dritten Grund. Als ich von der Katastrophe hörte und im Netz nach Hinweisen zur Ursache suchte, stieß ich früh auf die Warnungen, die sehr exakt das Unheil vorhersagten. Eine Frage beschäftigt mich seitdem: sagt einem nicht der gesundem Menschenverstand, dass der verfallene Güterbahnhof in Duisburg der falsche Ort für eine Massenveranstaltung mit mehr als eine Millionen Menschen wie der Loveparade ist?

Geht man dieser Frage nach, wird man im Netz mit einer unüberschaubare Zahl an Hinweisen überflutet. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und begann, mich umzusehen.
Ich stieß auf dieses Bild im Grunde harmlose Bild und war erschrocken. Es zeigt die Rampe lange bevor der Massenpanik entstand und die Menschenmenge noch ungehindert auf das Gelände strömte. Noch ist alles geordnet.

loveparade_rampe

Was mich so erstaunt hat, ist, dass die ohnehin für die Zuschauerströme sehr kleine Fläche auf der Rampe mit zahlreichen Hindernissen übersät ist. Ich habe zur Verdeutlichung nur  die metallenen Bauzäune eingezeichnet, es gibt daneben noch weitere Hindernisse, wie ein Verkaufswagen, Toilettenhäuschen, Verkehrsschilder.
Meine Vermutung ist, dass eines dieser Hindernisse der Auslöser der Panik war. Allein die Füße der Bauzäune sind in einem Gedränge, wie es dort herrsche, teuflische Stolperfallen.
Am meisten machte mich ein Bauzaun stutzig, ich habe ihn daher rot markiert. Wie hier im Video deutlich zu sehen ist, befindet er sich direkt am rechten Tunneleingang. Und auf diesem Video ist zu sehen, wie Leute genau an der rot eingezeichneten Stelle über etwas klettern. Vielleicht sind es Überreste des Zaunes. Wenn dabei ein oder mehrere Leute gestürzt sind, könnte das die panische Kettenreaktion ausgelöst haben.

Ein weiteres wichtiges Puzzlestück zum Verständnis der Katastrophe ist die zweite Rampe, die etwas kleiner ist und nach dem offiziellen Konzept der Loveparade die Lage im Eingangsbereich deutlich entzerren sollte. Wie Videoaufnahmen jedoch belegen, war diese zum Zeitpunkt der Massenpanik geschlossen!
Im einzig vorhandenen Zu- und Ausgang zum Festivalgelände trafen sich somit alle drei große Zuschauerströme in einem engen Raum aufeinander, der zusätzlich mit zahlreichen Hindernissen gefüllt war. Wieso war dieser zweite Zugang geschlossen? Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, der Druck auf den verbleibenden Zugang wurde vollkommen unnötig erhöht.

Wir sind in Schland und wenn nicht rechtzeitig alle Genehmigungen rechtzeitig auf dem Tisch liegen - bei einer Großveranstaltung darf das ruhig ein oder zwei Monate vorher sein - dann wird das ganze abgeblasen. Das ist besagt das bürokratische Gesetz der Alternativlosigkeit, so einfach ist das. Eine entscheidende Genehmigung am Tag des Events zu unterscheiben, was soll denn das bitte schön? Sind wir vielleicht auf einem afghanischen Basar, oder wie?

Herr Sauerland meint, aus Respekt vor den Opfern standhaft an seinem Stuhl kleben zu müssen und - ebenfalls aus Respekt vor den Opfern - der Trauerfeier fern zu bleiben. Das offenbart einen Realitätsverlust, wie er eigentlich nur nach jahrzehntelangen Drogenexzessen eintritt. Für diese These gibt es weitere Indizien: die am Tag der Tragödie von ihm und Herrn Rabe hervorgezauberte Treppensturzthese ist heute in sich zusammen gefallen, alle Opfer starben an Brustquetschungen, also an den direkten Folgen der Massenpanik.
Auch die Behauptungen des Bürgermeisters, es hätte zuvor keine Warnungen oder Hinweise auf Risiken gegeben, sind haltlos.

Warum ist Sauerland noch im Amt? Was ist sein Ziel? Will er in der nach oben offenen Terrorskala die Sauerland-Gruppe überrunden?

Eine solche Katastrophe hat immer viele Ursachen: ein mit heißer Nadel gestricktes, möglichst kostengünstiges Sicherheitskonzept, eine eigenwillige Umsetzung und  aufgrund mangelnder Erfahrung ein zu spätes und teils kontraproduktives Eingreifen. Was nun genau die Ursache der Massenpanik war, müssen die Ermittlungen zeigen. Doch es zeigt sich jetzt schon, dass sich sehr viele Fehler aufsummierten und sich so die Tragödie langsam, aber unaufhaltsam aufbauen konnte. Als der Punkt der Massenpanik erreicht wurde, hatten die eingeschlossenen Menschen keine Chance mehr. Schrecklich.

Solche Katastrophen sind erklärbar und, das ist eine traurige Tatsache,  normal - in Ländern der dritten Welt.  Hier in Deutschland darf so etwas nicht passieren. So sehe ich das jedenfalls. Dieser Meinung sind jedoch nicht alle, manche sehen darin einen verborgenen Sinn, ein Zeichen. Es könnte ja sein, dass “ganz andere Mächte” eingegriffen haben, um dem “schamlosen Treiben endlich ein Ende” setzten. Dies vermutet Eva Herrmann und sie darf  ihre Thesen stolz in den Qualitätsmedien verkünden. Wenn ich könnte, würde ich gerne Frau Doppeldreibein auf ihre Predigt zu den Sünden toter und lebender Partygäste antworten:
sind nicht die Veranstalter der Sodom und Gomorrah Orgie, Herr Rainer Schaller und Herr Adolf Sauerland, die wahren Bösen, die vom göttlichen Pfad abgekommen sind? Meinen sie nicht, dass sich der gerechte Zorn gegen die großen Sünder richten sollte? Ach, das wäre gegen ihr golfballgroßes Weltbild? So so.

Auf die Leistung der Qualitätsmedien ist in solch Krisensituationen verlass. Bild ist wie immer auf dem besten Weg zu einer Presseratrüge. DerWesten offenbart blinde Flecken: er berichte von der bevorstehenden Trauerfeier, zählt die Gäste auf und vergisst dabei leider zu erwähnen, dass Herr Sauerland  nicht kommt. Ein schöner Beleg für die Asymmetrie-These der NachDenkSeiten. Noch lustige ist, dass DerWesten in seinem Online-Portal seine eigenen Artikel vergisst, nur weil sie damals die Loveparade forderten und erheblichen Druck auf die Stadt ausübten. Solche alten Sünden besudeln nur unnötig die eigene Unschuld.

Eines möchte ich noch sagen, es ist mir wichtig: Angesichts der Ereignisse wären sanftere Worte angemessen. Die Grenze zur Tragigkomödie haben aber andere vor mir überschritten, sie zogen mich mit und ich konnte mich nicht dagegen wehren.
Es tut mir unendlich Leid, wirklich, dass auf der Loveparade Menschen sterben mussten und viele ihr Leben lang an den Folgen der Katastrophe leiden müssen. Es ist unerträglich, dass im Nachhinein die Verantwortlichen keinen würdevollen Umgang mit der Trauer zeigen können.
Ich kann es auch nicht. Es ist erbärmlich, ehrlich.


28. Juli 2010 von stillewasser | Kategorie Gesellschaft Medienkritik Satire
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