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Loveparade 2010

Die Loveparade war eine politische Demonstration, die allerdings ein unpolitisches Ziel hatte: gemeinsam zu Techno-Musik zu tanzen, zu feiern und einfach nur Spass haben. Für 19 Menschen brachte in Duisburg dieser Wunsch den Tod, über 400 Menschen wurden auf dem Fest zum Teil schwer verletzt.
Es ist eine entsetzlich Tragödie, mein Beileid gilt den Opfern und Hinterbliebenen.

Wie konnte ein solch schreckliches Unglück geschehen? Es wird noch lange dauern, bis alle Fragen restlos geklärt sind.
Auch ich möchte Antworten finden, denn wie für viele Millionen Menschen, welche die Loveparade in den 21 Jahren ihrer Geschichte besucht haben, ist sie ein Teil meines Lebens geworden. Ich selbst war Mitte der Neunziger zweimal auf der Loveparade. Damals waren es noch deutlich weniger als 1 Million Besucher und Floats zogen noch in der alten Route den Ku’damm entlang. Zu dem Kultclub Tresor verschafften wir uns mit falschen Presseausweisen Zutritt, um die Wartezeit zu verkürzen. Die Party endete erst in der Mittagssonne des nächsten Tages, einer langen Heimreise, einer kalten Dusche und dann ging es etwas übermüdet an die Uni.

So hat jeder seine eigenen Geschichten, die er mit der Loveparade verbindet, aber keiner dachte bisher daran, dass es auch ein tödliches Vergnügen sein könnte. Was soll denn schon gefährlich daran sein, gemeinsam zu feiern?
Wer zu einem Megaevent wie die Loveparade geht, der begibt sich automatisch in die Hände des Veranstalters und den örtlichen Verantwortlichen. Das darf in Deutschland kein Problem sein, wir sind in der Lage, solche Megaevents reibungslos durchzuführen. Warum diesmal nicht? Was ist da schiefgelaufen?

Im Gegensatz zu allen anderen Veranstaltungen gab es diesmal zwei Besonderheiten: das Gelände war komplett eingezäunt und es gab nur einen Zu- und Ausgang, einen mehrere hundert Meter langen Tunnel. Gerade für die Loveparade ist das problematisch, da immer viele Menschen kommen und gehen und zwischen den verschiedenen Floats hin und her wechseln.

Im Vorfeld gab es zahlreiche Warnungen, In einem Artikel im DerWesten, der wenige Tage vor dem Event die kritischen Sicherheitsaspekte ansprach, schrieben zahlreiche Kommentatoren ihre Bedenken gegen diese Pläne und sie sahen bereits Tote voraus - leider wurden die düsteren Befürchtungen traurige Realität.

Ich bin kein Ortskundiger, wie es die prophetischen Kritiker waren, aber auf diesem Video ist die  Location vor dem Unglück zu sehen:

Keinen Zweifel, für eine Party mit dekadentem Ambiente ist der ehemalige Güterbahnhof geeignet, aber als ein Veranstaltungsort für ein Massenevent? Der Charme der Industrieruine reicht für eine große Hartz-Party, was im Angesicht des Agendajahrs 2010 eine passende Analogie ist, aber eine notdürftig hergerichtete Industrieruine als Veranstaltungsort auszuwählen war ein Wagnis und wird im Rückblick zu einem unverantwortlichen Fehler.
Das Sicherheitskonzept war im Grunde schlichter Wahnsinn. Die Menschenmassen der Loveparade nur durch einen einzigen Tunnel zu schleußen, war bodenloser Leichtsinn. Nur unter idealen bzw. theoretischen Bedingungen hätte dieses Konzept funktionieren können. Kleinere Störungen, wie üblicherweise durch zeitweise Änderungen des Andrangs zwangsläufig entstehen, führen automatisch zu Problemen, wie diese Beispielrechnung zeigt. Ein höherer “Menschendruck” führt an einem Nadelöhr zu einer Verringerung der Strömung, weniger Menschen können auf das Gelände. Kommt es zu einem Stillstand, oder noch schlimmer, zu Rückwärtsbewegungen, dann ist der kritische Punkt zu einer Massenpanik schnell erreicht.
Es ist mir daher vollkommen unverständlich, weshalb es an der Rampe am Tunnelausgang, an der das Unglück geschah, keine Trennung zwischen den kommenden und gehenden Gäste gab. Die beiden entgegengesetzten Zuschauerströme stießen einfach frontal am Tunnel aufeinander. Zudem hat die Polizei an deser Rampe sowohl die für die Heimkehrer als auch für die kommenden Gäste zeitweise Sperren errichtet. Diese Maßnahmen könnten die ohnehin kritische Situation am Nadelöhr noch mehr verschärften haben.

Wie der Oberbürgermeister Adolf Sauerland angesichts dieser Fakten die Ursache der Tragödie in individuellen Fehlern sehen kann, ist mir unbegreiflich. Natürlich ist davon auszugehen, dass es alkoholisierte und aggressive Raver gibt. Diese gab es auch an allen anderen Veranstaltungen, ohne dass es Tote gab. Die Augenzeugenberichten erzählen daher eine andere Geschichte und dieses Video zerstreut jeden Zweifel: die Ursache am Tod der 19 Menschen und den über 300 Verletzten können nur organisatorische Mängel sein, jede andere Erklärung scheidet aus.
Der Michael Schreckenberg, der bekannte Panikforscher und Sicherheitsverantwortliche des Festivals, versucht diese offensichtliche Tatsache zu leugnen, in dem er sinngemäß etwas Unsinniges sagt wie: “wenn keiner in Panik ausbricht, entsteht keine Massenpanik”. Der Satz ist immerhin logisch richtig und das ist für einen Experten hierzulande schon eine enorme Leistung, aber er ist weder hilfreich noch der Situation angemessen. Ein Sicherheitskonzept muss ja gerade dann funktionieren, wenn eine Panik ausbricht oder unvorhergesehene Ereignisse auftreten - wenn alles wie am Schnürchen funktioniert, dann reicht ein Veranstaltungsprogramm aus.

Die moralische und politische Verantwortung für diese Tragödie tragen daher der Veranstalter, der Oberbürgermeister Sauerland und beratenden Experten wie Schreckenberg. Die Zukunft wird zeigen, ob dies auch juristische Folgen haben wird.
Nicht alle sehen das so, Eva Herrmann zum Beispiel bietet bibliche oder mittelalteriche Erklärungen für die Katastrophe an. Ich dachte eigentlich, diese Zeiten wären endgültig vorbei.

Die Ursprungsidee der Loveparade ist schon lange Geschichte. Mit der Entwicklung zum Massenevent kam zwangsläufig der Kommerz. Aus einer Subkultur wurde eine massentaugliche Modeerscheinung mit einem jährlichen Ritual. Klar, die Hülle bleibt erhalten: die Bässe hämmern im ekstatischen Takt und die Menschen tanzen und feiern. Doch es geht nicht mehr um Musik oder Unbeschwertheit, es geht nur noch um eins: Profit. Er diktiert, welche Stars kommen, wo die Loveparade stattfindet, wie für die Sicherheit gesorgt wird. Ihre Unschuld hat die Loveparade daher schon im letzten Jahrtausend verloren.
Dennoch hätte es nicht zu dieser Katastrophe kommen müssen. Nur hat der Profit in Duisburg zu viele willige Helfer gefunden und zu wenige hatten die Kraft, sich ihm entgegen zu stellen.

Ein Detail dieses Dramas lässt mir keine Ruhe: Menschen kämpften um ihr Leben und die Party geht weiter. Dieses Bild wird untrennbar mit dieser Tragödie verknüpft bleiben. Ist das der übliche Schwund, wenn die Masse um das goldene Kalb des Kommerzes zuckend zu den Beats tanzt? Ja, diesmal war es so. Es gibt für mich keinen vernünftigen Grund, weshalb die Party nach dem Unglück noch über 5 Stunden weiter ging. Das ist krank, einfach nur krank.

Die Loveparade 2010 endete in einer Katastrophe, Unschuldige verloren ihr Leben oder ihre Gesundheit. Die verantwortungslose Vorbereitung, die problematische Durchführung und die Aufarbeitung des Unglücks werfen auf die Gesellschaft, auf uns, ein skurriles Bild: mediale Hochglanzbilder zeichnen ein modernes, fortschrittliches Deutschland, doch solche Dramen zerreißen die liebevoll polierte Oberfläche und öffnen den Blick auf die nackte Realität. Profitgier und Prestigedenken vereinigen sich und gehen mit Verantwortungslosigkeit und Inkompetenz eine unheilvolle Allianz ein. Mit einer kindlichen “Augen-zu-und-durch”-Taktik wird jede noch so große Überforderung zu meistern versucht. Diese Selbstüberschätzung der Verantwortlichen ist teuer, unbezahlbar teuer: er kostete diesmal das Leben und die Gesundheit vieler junger Menschen.

Loveparade stand für die unbeschwerte Lebensfreude und endet in einem makaberen Todestanz. Es ist ein dramatisches Ende einer Illusion, im Grunde der Geburtsfehler der Loveparade: es gibt keine Unbeschwertheit in der Masse. Selbst wenn sie sich in einen kollektive Trance tanzt, selbst wenn sie nur feiern möchte und Spaß haben will, bleibt sie unbeherrschbar und gefährlich.
Das Drama von Duisburg darf sich nie wieder wiederholen, das Spaßevent ist zu Ende, die Loveparade ist tot.

[update] In mir keimt ein böser Verdacht, weshalb die tödliche “Rampenlösung” präferiert wurde: das hat die Eingangskontrollen erheblich erleichtert! Mann, mann, mann, Loveparade und Eingangskontrolle.
Und der Grund, weshalb der Oberbürgermeister Sauerland noch nicht zurückgetreten ist, sieht  der Spiegelfechter im verlässlich tragfähigen Ruhrpott-Filz! Die Katastrophe könnte sogar ohne Nachspiel bleiben - ich will das aber wirklich nicht hoffen.
Schland o Schland :-( [/update]

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26. Juli 2010 von stillewasser | Kategorie Gesellschaft
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