Wetten du verlierst?
Die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC hat eine schöne Spitze des Eisbergs der Finanzkrise gesichtet: Im Mittelpunkt der Geschichte steht John Paulson, der ungekrönte König der Finanzkrise. Er nutzte die Krise wie kein anderer zum Gelddrucken.
So langsam werden alle Details dieses Geniestreichs bekannt und die sind mehr als brisant! Die Masche, das muss man sagen, war schlicht genial: vor der Krise sammelte Paulson mit seinem Hedgefond soviel Ramschpapiere des amerikanischen Hypothekenmarkts wie er konnte, verpakte sie zu einem dieser modernen Zinanzderivaten mit dem schönen Namen Abacus und - das ist der Clou - wettete auf deren Verfall!!!
Damit diese Wette auch im großen Stil durchgezogen werden konnte und sie sich so richtig lohnt, hat Paulson eine zahlungsfähige Wettgemeinschaft gefunden, unter anderem Goldman Sachs und die Deutsche Bank.
Tja, und jetzt wird es kriminell. Goldman Sachs wird nun vorgeworfen, ihren Kunden Produkte verkauft angedreht zu haben, auf deren Verfall sie selbst zusammen mit Paulson gewettet hatten! Die SEC meint, das ist Betrug und hat Anklage gegen Goldman Sachs erhoben.
[update] Der Finanzexperte Sylvain R. Raynes der New York Times über diese Transaktionen. berschreibt die Masche treffend mit folgendem Vergleich:
„Wenn man die Versicherung gegen ein Ereignis kauft, das man selber verursacht, dann ist es wie wenn man eine Feuerversicherung auf ein anderes Haus abschließt und es dann anzündet.” (Quelle: NachDenkSeiten) [/update]
Ein nettes Detail am Rande: eines der Opfer Paulons ist jedenfalls für uns Deutsche keine Unbekannte. Es ist die deutsche Mittelstandsbank IKB, die lustigerweise zuvor von dem Wettpaten Paulsons, die Deutsche Bank, noch ein kleines Paket an Ramschpapieren erhalten hatte. Oh ha, könnte man da sagen - aber wir sind ja in Deutschland und da lassen wir einfach ein bisschen Vulkanasche auf die Sache regnen und vergessen die ganze Geschichte lieber …
Lesenswerte Links zum Thema:
- ABACUS 2007-AC1 - “Gottes Werk”
- Die Wall Street bebt
Oh, die BaFin kündigt ein Auskunftsersuchen an die SEC an. Hat der zahnlose Tiger etwa sein Gebiss gefunden? - [19.04.10] Deutsche Bank unter Druck
- [23.04.10] Skandal bei Goldman? Schaut auf die Deutsche Bank!
Ja, wohin schießt das Sturmgeschütz auf einmal? Das ist die falsche Richtigung! Zurück in die Hofberichterstatterfront, aber zack! zack!
17. April 2010 von stillewasser | Kategorie Finanzkrise Neoliberalismuskritik | 1 Kommentar
Twittern für den Affen
Die Aktion “Have a break” von Greenpeace geht in die nächste Runde. Die Nutzung von Palmöl in Lebensmiteln wie in dem Nestlé-Produkt KitKat führt zu großflächiger Zerstörung von Regenwald in Indonesien und somit zur Zerstörung des Lebensraums des Orang-Utans.
Greenpeace hat nun seinen Protest um eine neue Aktionsform bereichert: Vor der Konzernzentrale von Nestlé in Frankfurt hat Greenpeace auf einer riesigen Leinwand eine Twitterwall aufgebaut, auf der jeder mit dem Hashtag #nestle seinen Protest an den Konzern twittern kann.
Die Twitterwall kann auch live im Internet verfolgt werden:
Eine interessante Möglichkeit, per Mausklick zu einem Aktivisten zu werden. Ob sich diese neue Form des Protestes durchsetzen wird, muss sich noch zeigen. Neue Entwicklungen wie diese zeigen jedoch, dass das Netz zunehmend politischer wird und dass die Grenzen zwischen der realen und virtuellen Welt kleiner werden oder ganz verschwinden.
Also, wer mag, einfach seinen Protest mit #nestle an die Konzernzentrale in Frankfurt twittern und/oder auf Süßes mit Palmöl verzichten
Lesenswerte Links zum Thema:
15. April 2010 von stillewasser | Kategorie Aktion Neoliberalismuskritik | 1 Kommentar
Spieglein, Spieglein …
Spieglein, Spieglein in der Hand: sage mir, wer ist das größte Lügenblatt im Land?
Diese Frage stellt sich spätestens seit aus dem demokratischen ein unterwürfiges Sturmgeschütz geworden ist, wie die FAZ erstaunt feststellten musste, als sie die Hofberichterstattung des SPON über den Verteidigungsminister Guttenberg kritisierte. Nicht erst seit Henryk M. Broder, ein gerichtlich anerkannter Pornoverfasser, beim medialen Flaggschiff anheuerte, hat sich der Wind gedreht und der Spiegel schippert in den trüben Gewässern des Boulevards.
Noch hat das einst stolze Magazin mehr Schwarz im Logo und auch auf den Papier- und Online-Seiten, aber der Abstand zur Bild schmilzt von Woche zu Woche.
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27. März 2010 von stillewasser | Kategorie Fundstücke Medienkritik Musik Neoliberalismuskritik Satire | Keine Kommentare
Zurückbeis(s)en (3): Der Blut-, Schweiß- und Tränentango
Ich mag Blut-, Schweiß- und Tränenreden, ihren aufstachelnden Pathos, mit dem jedes Wort durchtränkt ist und von dem jedes einzelne die gnadenlose Kraft besitzt, die hartzige Dekadenz aus Kopf und Gliedern aus zu treiben. Dieser unbändige Drang, die dem hypnotisierten Leser eingeimpft wird und ihn nach neuen Ufern verlangen lässt, ist die überfällige Antwort auf altersstarre Verkrustungen, die ihrem Aufbrechen harren. Der glühenden Rede folgt die epochale Tat!
Nur sollen solche Reden zu Blut-, Schweiß- und Tränen treibenden Taten anstacheln und sie nicht bereits beim Lesen fließen lassen, wie dies bei Marc Beises Tangotanz zumindest bei mir der Fall war.
An der deutschen Exportfixierung soll die Welt genesen, so das alternativlose Mantra des Klosterbruders des Neoliberalismus. Diese Kernthese der neoliberalen Ideologie hat ein Problem, das sie mit allen Ideologien teilt: die Realität. Wenn uns die Nachbarn, wie nun die französischen Finanzministerin Christine Lagarde, beständig und immer mehr vernehmbar kritisieren, liegt das allein daran, dass sie mit ihren Vorwürfen recht haben.
Eine der Lehren aus der Weltwirschaftskrise sollte nämlich sein, dass Ungleichgewichte Krisen verursachen. Im Fall der chinesischen Devisen erreicht diese Erkenntnis noch das neoliberal vernebelte Gehirn, im Falle unserer eigenen Exportsünden nicht mehr.
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16. März 2010 von stillewasser | Kategorie Medienkritik Neoliberalismuskritik SZ Watch | 2 Kommentare
Kleine Brötchen
Wir in Deutschland haben nach der offiziellen, massenmedial verbreiteten Diktion keine Kreditklemme. Nur unterschwellig ist in manchem Artikel zu lesen, dass die Unternehmen in der aktuellen Weltwirtschaftskrise ein richtig großes Problem haben: sie bekommen keine Kredite.
Gerade der Unterschicht wird aufgrund ihrer bekannten dekadenten Lebensweise meist kein Kredit mehr gewährt.
Gut, dass für die Gefahr, die es nicht geben sollte oder drüfte, eine Lösung gefunden wurde: der Mikrokredit.
Die Idee des Mikrokredits basiert auf einem Konzept des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Es wurde speziell für die Erfordernisse, die in Entwicklungsländern herrschen, entwickelt und dort auch erfolgreich erprobt. Das dieses Konzept ebenfalls zur Förderung der deutschen Wirtschaft eingesetzt werden kann, dürfte im Grunde niemanden überraschen. Der Umbau Deutschlands in ein neoliberales Musterentwicklungsland nach amerikanischem Vorbild ist in weiten Teilen bereits umgesetzt.
Lesenswerte Links zum Thema:
15. März 2010 von stillewasser | Kategorie Finanzkrise Neoliberalismuskritik Wirtschaftskrise | 2 Kommentare
Sparen ist für den Arsch
Der Geiz ist nach der Psychoanalyse von Sigmund Freud auf den analen Charakter zurückzuführen. Wenn also der Bürger, der für die Schulden der Finanzzocker bezahlen soll, sich wie der letzte Arsch vorkommt, so lässt sich diese gefühlte These wissenschaftlich fundiert belegen.
Die Isländer, die dem sarrazinischen Ideal des Kaltduschers entsprechen, widersetzen sich gerade dieser um sich schlagenden Verarschung. Sie haben mit 95% gegen den Plan ihrer Regierung gestimmt, der die Rückzahlung der isländischen Schulden regeln sollte. Warum sollten auch die Isländer in Kollektivhaftung für die Fehler ihrer Bänker genommen werden? Weshalb sollten sie für den Leichtsinn der ausländischen Anleger haften, die bei ihren Zockerbanken Geld angelegt haben?
Nicht nur auf der kleinen isländischen Insel soll gespart werden, auch in Amerika und vor allem in Europa soll mit fiskalischer Askese die spätrömische Dekadenz beendet werden. Doch jetzt einfach so mit dem Sparen anzufangen ist ein schwerer Fehler. Das sagt zumindest kein geringerer als der Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz. Er sieht in der aktuellen Politik die große Gefahr, dass sie zu einer dauerhaften Stagnation führt.
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10. März 2010 von stillewasser | Kategorie Finanzkrise Politik Sozialstaatsdebatte Wirtschaftskrise | 3 Kommentare
Icelove
Island stand schon einmal im Zentrum einer stürmischen Entwicklung. Als das einstige neoliberale Musterland mit seinen fragwürdigen Finanzprodukten Schiffbruch erlitt, musste die Regierung - es drohte ein Staatsbankrott - die drei größten Banken des Landes in einer dramatischen Aktion verstaatlichen. Island konnte sich von seiner schweren Krise noch nicht erholen, die Altschulden drücken und die spärliche Wirtschaft ist am Boden. Aus dieser prekären Situation sucht Island verzweifelt einen Ausweg und zieht dabei auch unkonventionelle Lösungen in Betracht. Eine Idee, die aktuell diskutiert wird, ist wirklich visionär:
Island soll der erste Datenfreihafen der Welt werden!
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21. Februar 2010 von stillewasser | Kategorie Aktion Finanzkrise Neoliberalismuskritik SZ Watch Zensur | Keine Kommentare
Lernen aus der Finanzkrise?
Die Kugel im Finanzkasino rollt wieder, die Finanzspekulationen gehen weiter-so wie vor der Krise. Welche Konsequenzen wurden bisher aus der Finanzkrise gezogen? Eine gute Frage, machen wir einen kurzen Check: Sind die Leerverkäufe in Deutschland noch verboten? Nein. Wird der Verbriefungsmarkt reglementiert? Kaum. Ist jede Bank immer noch systemrelevant? Na klar! Wurden die Bankbilanzen bereinigt? Etwas Make-up muss reichen.
Hm, kein sonderlich berauschendes Ergebnis. Wie wäre es dann mit dem ganz großen Wurf? Der Besteuerung von Finanztransaktionen, der sogenannten Tobin-Steuer? Die Argumente sind doch überzeugend:
(via fr-online)
Ein YouTube-Clip über einen einsichtigen und nicht zu 100-Prozent von Gier zerfressenen Bänker - das klingt irgendwie nach Grimms Märchen
[20.02. update] Jetzt habe ich zum Video auch die entsprechende Kampagne gefunden. Ihr könnt euch in eine internationale Unterstützerliste für eine Finanztransaktionssteuer eintragen. Die Liste der Erstunterzeichner ist wirlich beeindruckend. Und wenn ihr gerade dabei seid, schickt doch wahlweise an Frau Merkel, Herrn Westerwelle oder Herrn Seehofer eine E-Mail
Ich hoffe sehr, dass die Kampagne erfolg hat! [/update]
16. Februar 2010 von stillewasser | Kategorie Finanzkrise Fundstücke Neoliberalismuskritik | 5 Kommentare
Bei den Trümmern von Babylon?
Karl May hätte wohl besser getitelt: Vor den Trümmern der Gewerkschaftsfreiheit, aber dann hätte er wohl Marx statt May heißen müssen. Der Arbeitskampf zwischen der syndikalistischen (Ex-)Gewerkschaft FAU und den Betreibern des Berliner Kinos “Babylon Mitte” geht Dienstag, den 16. Februar 2010, vor dem Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg in eine neue Runde.
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15. Februar 2010 von stillewasser | Kategorie Neoliberalismuskritik Politik | Keine Kommentare
Zurückbeis(s)en (2): Die Ausplünderung der Mittelschicht
Es ist bei einer Buchbesprechung üblich, es auch zu lesen. Beim neuen Buch von Marc Beise “Die Ausplünderung der Mittelschicht” habe ich es nicht gemacht, denn für mich zählt die zwanghafte Aneinanderreihung neoliberaler Thesen als Folter. Ich bin daher mehr als froh, dass der Oeffinger Freidenker das Buch gelesen und eine ausführliche Rezension darüber geschrieben hat.
Ich vergreife mich dennoch mal an der Kernthese des Buches: die diffuse Mittelschicht, die empirisch ermittelt werden könnte, was aber tunlichst unterlassen werden sollte, beherbergt die Leistungsträger unserer Gesellschaft. Diese möchten, können jedoch keine Leistung erbringen, weil sie daran gehindert werden. Schuld an dieser Misere ist natürlich der Staat, weil der Staat hat immer Schuld.
Für Beise fängt seine ominöse Mitte so etwa oberhalb von 100.000 € Jahresgehalt an, da erst ab dieser Höhe der schnöde Mammon auch als Motivator wirken kann.
Die Quintessenz dieser kausalisierten Tautologien ist, dass das lastvolle Leben der leistungsverhinderten oberen Mittelschichtso wie früher in den guten alten Zeiten der römischer Dekadenz auf die unteren Schichten gerecht verteilt werden muss, damit alle den freiheitlichen Blick nach oben auf die über alles schwebenden Eliten, die sich von allem losgelöst haben, geniesen können. Das alles funktioniert nur dann wieder wie FDP-geschmiert, wenn alle das Risiko der Eigenverantwortung auf sich nehmen, weil zuviel Fremdverantwortung sozialistische Arbeitsplätze schaffen könnte. Das darf nicht sein, denn Arbeit ist nur für die da, die sich etwas leisten können, nämlich das Jammern über das eigene Nichtsleisten.
Natürlich übernehme ich keine Garantie, dass ich das nicht gelesene Buch auch wirklich nicht verstanden habe. Wenn ihr also den Neoliberalismus in Textform gegossen in Händen halten wollt, kauft das Buch, oder wer sich nach meinem Plädoyer noch immer dem neoliberalen Götzendienst verweigern möchte, gehe zurück auf Hartz IV.
Lesenswerte Links zum Thema:
13. Februar 2010 von stillewasser | Kategorie Medienkritik Neoliberalismuskritik Satire | Keine Kommentare










