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unabhängig - medienkritisch - mit Spuren von Satire

Die Vietghan Akten

isafWikileaks hat einen neuen Scoop gelandet: über 91.000 zum größten Teil geheime Dokumente über den Afghanistankrieg hat die Whistleblower-Plattform veröffentlicht. Bevor der riesige Aktenberg frei gegeben wurde, durften der Guardian,  der New York Times und der Spiegel ihn vorab begutachten, um ihre Echtheit zu überprüfen. Ja, sie sind es und sie erlauben zum ersten Mal einen umfassenden Blick auf den Krieg.
Wow, und was sind die neuen Erkenntnisse vom fernen Hindukusch?
Die Militärs und die Politik haben die Lage in Afghanistan falsch dargestellt - oh, das ist ja nicht zu fassen! Der Krieg ist schmutzig und es werden genau die Grenzen übertreten, die wir vorgeben zu verteidigen - nein, das kann doch nicht wahr sein! Wir, die Besatzer, sind nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems - ach du meine Güte, das konnte ja wirklich keiner ahnen! Und der Krieg ist schon lange verloren -na so was, das darf man doch gar nicht denken und erst recht nicht  bloggen!

Was haben unsere Qualitätsmedien in der Zwischenzeit eigentlich gemacht? Haben sie diese offensichtlichen Fakten nicht selbst recherchieren können? Brauchte es dazu wirklich Wikileaks? Es ist erstaunlich, dass die Medien nicht selbst merken, dass sie sich mit der Veröffentlichung der Dokumente ihr eigenes Armutszeugnis ausstellen.

Es ist der längste Krieg, nach über acht Jahren wird die Sicherheitslage in Afghanistan immer schlechter. Militärisch ist Afghanistan nicht zu befrieden. Nicht umsonst hat es sich den Ruf als Friedhof der Supermächte erkämpft, Amerika und die NATO sollten dem Respekt zollen.

Ach ja, ich finde übrigens, wir sollten mit dem Krieg weiter machen. Er tut doch nicht weh, jedenfalls nicht hier, hinter den TV-Bildschirmen der Heimatfront. Und ob wir unsere Kinder zur Bundeswehr oder zur Loveparade schicken, das macht doch keinen Unterschied mehr.


Eyjafjallajökull

islandMeine Güte, die kleine Insel am Rande Europas ist immer für eine Überraschung gut. Und ich muss schon sagen, trotz der erstaunlichen Tragweite der Auswirkungen klingt es auf islandisch irgendwie niedlich:
Der Zusammenbruch der drei größten Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir haben beinahe den ersten Staatsbankrott in Europa verursacht. Mit der Initiative Icelove möchte Island in Kooperation mit Wikileaks den ersten Datenfreihafen der Welt eröffnen und das Internet umkrempeln. Und nun spukt der isländischer Vulkan Eyjafjallajökull seine Asche über 11 Kilometer in die Atmosphäre und legt mit ein bisschen heißer Luft nahezu den kompletten europäischen Flugverkehr lahm.
Den Namen des Vulkans werde ich mir beim besten Willen nicht merken können, ich traue mich nicht einmal ihn auszusprechen.

Es ist wirklich bemerkenswert, wie oft in letzter Zeit das unscheinbare Island die Geschicke des alten Europas lenkte. Was wird die nächste Überraschung aus dem hohen Norden sein? Wird der zukünftige Regierungssitz der EU nach Island verlegt, die Insel in Mordor umbenannt und die Herrschaft von Lord Voldemort ausgerufen? Halt, das ist doch schon Realität, oder nicht? Keine Ahnung, der Himmel Europas ist jedenfalls schon verdunkelt :-)


Wir sind die Guten!

wikileaksDer moderne Krieg ist chirurgisch - medizinisch notwendig, er ist gerecht - nur die Bösen werden getötet, und er ist sauber - an den Händen der Soldaten klebt kein Blut. Der Zuschauer zu hause darf die Kriegsberichterstattungen der Medien ohne schlechtes Gewissen verfolgen. Unser militärisches Engagement für die Welt ist gut, richtig und alternativlos!

Das demokratisch legitimierte Töten setzt eine besondere Sorgfalt voraus. Strenge Regeln und Vorschriften wurden ausgearbeitet, auf ihre Einhaltung wird penibel geachtet und Verstöße registriert.

Wikileaks hat heute einen Lehrfilm westlicher Kriegsführung veröffentlicht, der an einem realen Beispiel zeigt, wie zwei Reuters-Journalisten, ein Verwundeter, zu Hilfe eilende Zivilisten und Kinder von einem amerikanischen Kampfhubschrauber unter Beschuss genommen werden. Später eintreffende Bodentruppen überfahren unter Gelächter eine der vielen umher liegenden Leichen.
All dies erfolgte nach Aussagen des amerikanischen Militärs streng nach den Einsatzregeln (”Rules of Engagement”) und ist somit per Definition eine saubere militärische Operation.

Hinweis: Das Video zeigt den Krieg - nicht das sauber blankpolierte Medienbild, sondern den Schmutz. Es ist also nichts für schwache Nerven!

Der Vorfall ereignete sich bereits vor 3 Jahren im Irak. Wikileaks wurde, seit sie den Besitz dieses Videos bekannt gaben, von Geheimdiensten überwacht. Ein großes Dank gilt daher dem Mut und der beharrlichen Ausdauer von Wikileaks, die eine Veröffentlichung erst ermöglichten! Auf der Whistleblower -Plattform können geheime Dokumente anonym eingereicht werden, eine Veröffentlichung erfolgt erst nach einer eingehenden Analyse. Für den investigativen Journalismus wird Wikileaks immer bedeutender. Eine Spende für dieses Projekt ist daher in meinen Augen eine gute Investition.

[update] Ich habe mir das Video mehrmals angeschaut und ich bin zur Überzeugung gelangt, dass die Gruppe nicht bewaffnet war. Sie trugen weder Maschinengewehre (AK 47’s) noch Panzerfäuste (RPG’s), sie hatten schlicht ihre Kameraausrüstung dabei. [update 3] Zwischen 3:39 und 3:45 sind zwei bewaffnete Männer erkennbar, von denen einer eine Panzerfaust (RPG) hat. Sie scheinen jedoch nicht zur beschossenen Gruppe zu gehören.  [/update] Auch der angebliche Beschuss ohne Mündungsfeuer war wohl nichts anderes als harmloses Fotografieren. Tragisch könnte diese Verwechslung sein, ein Kollateralschaden eben. Nur, das was danach mit dem Schwerverletzen oder den Helfern geschah, ist unentschuldbar.

Die militärischen Handlungen waren regelkonform und das ist korrekt. Der Krieg lässt sich nicht steuern, er zwängt sich nicht in Konventionen. Der Krieg wird immer das bleiben was er ist: eine Barbarei.

Noch eine Anmerkung, die mir wichtig ist: Die Schlachtfelder im Irak oder Afghanistan scheinen weit weg. Nur, die Soldaten kommen irgendwann aus dem Krieg zurück. Jeder sollte sich daher in einer ruhigen Minute mal die Frage stellen, ob er einen der Schützen gerne als Nachbarn hätte.  [/update]

[update 2] Ein Interview mit dem Wikileaks Mitbegründer Julian Assange über die Veröffentlichung des Videos. Es gibt nur eine englische Version leider ohne Untertitel.

[/update]

Lesenswerte Links zum Thema:


Icelove

islandIsland stand schon einmal im Zentrum einer stürmischen Entwicklung. Als das einstige neoliberale Musterland mit seinen fragwürdigen Finanzprodukten Schiffbruch erlitt, musste die Regierung - es  drohte ein Staatsbankrott - die drei größten Banken des Landes in einer dramatischen Aktion verstaatlichen. Island konnte sich von seiner schweren Krise noch nicht erholen, die Altschulden drücken und die spärliche Wirtschaft ist am Boden. Aus dieser prekären Situation sucht Island verzweifelt einen Ausweg und zieht dabei auch unkonventionelle Lösungen in Betracht. Eine Idee, die aktuell diskutiert wird, ist wirklich visionär:
Island soll der erste Datenfreihafen der Welt werden!


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